192
Geschichte der Juden.
werfen. Sein ganzes Leben war, seitdem er in das Mannesaltertrat, eine Kette von Abenteuern. Seinen Vater, der ihn in Bibelund Talmud unterrichtet hatte, verlor Abraham Abulafia als acht-zehnjähriger Jüngling, und zwei Jahre später unternahm er eineabenteuerliche Reise, um, wie er selbst erzählt *), den sagenhaften FlußSabbation oder Sambation aufzusnchen und die an dessen Ufern an-geblich angesiedelten altisraelitischen Stämme kennen zu lernen, ohneZweifel in messianischer Absicht. Er steuerte zunächst ans Palästinazu, war aber leichtsinnig genug, sich inzwischen in Griechenland zuverheirathen, verließ, wie ein rechter Abenteurer, seine junge Frauund gelangte nach Äkko. Da nun damals die Mongolen Syrien undPalästina verwüstet hatten, so mußte Abraham Abulafia dem Planeentsagen, weiter nach Asien vorzudringe», um den Sabbationfluß zuerreichen. Er kehrte vielmehr um, suchte seine Frau wieder auf, reistemit ihr nach Italien und setzte sich wieder auf die Schulbank. VonHillel von Verona (o. S. 162), den er in Capua antraf, erlernte erdas Verständniß der maimunischen Religionsphilosophie und vertieftesich so eifrig in sie, daß er bald im Stande war, Vorlesungen darüberzu halten.
Nachdem er mehrere Jahre in Italien geweilt hatte, kehrte erwieder nach Spanien zurück. Erst im dreinnddreißigsten Lebensjahreverlegte er sich ernstlich auf die Kabbala (in Barcelona), begann mitdem rätselhaften „Buche der Schöpfung", verglich zwölf verschiedeneCommentarien dazu, welche zu dessen Erklärung theils philosophischeund theils mystische Gemeinplätze heranbrachten, und wurde, wie erselbst gesteht, von wirren Gedanken belagert. Er sah phantastischeBilder und wunderbare Erscheinungen; sein Geist war in einem be-ständigen Taumel. Er rang nach Klarheit, gerieth aber immer tieferin Wirrnisse und Phantasmagorien. Das eine war ihm indessenklar geworden, daß die Philosophie, mit welcher er sich vielfach be-schäftigt hatte, keine Gewißheit und darum für das nach Wahrheitdürstende religiöse Gemüth keine Befriedigung gewähre. Selbst diealltägliche Kabbala mit ihrer Sefirotlehre befriedigte seinen Geist nicht,weil beide nur den Hochmnth des Wissens nährten. Er, ein Kabbalist,kritisirte die Haltlosigkeit dieser mystischen Theorie so scharf undrichtig 2), daß es in Erstaunen setzen muß, wie er auf noch tollereEinfälle kommen konnte. Abraham Abulafia suchte nach etwasHöherem, nach prophetischer Offenbarung, die allein, ohne den müh-
*) Einen Theil seiner Selbstbiographie giebt er in nu irm bei cksllinslrVst lla-Nickrasoll I. o.
2) Vergl. seine vernichtende Kritik aus seinem loars 8ollstsr Note 3.