Hillel von Verona und Serachja-Chen. 163
Mit seinem ganzen Geiste vertiefte sich Hillel in Maimuni'sreligionsphilosophische Schriften, ohne jedoch den Standpunkt derGläubigkeit zu verlassen, den er vielmehr mit Zähigkeit festhielt.Ihm lösten sich die Wundererzählungen in Bibel und Talmud nichtin luftige Allegorien auf, sie sollten im Gegentheil ihren Charakterals Thatsachen behalten. Hillel betrachtete sogar diejenigen, welchedie im Talmud erzählten Wunder leugneten, als Ketzer. Dieagadischen Wunderlichkeiten bemühte er sich denkgläubig zu vermitteln Z,und traf darin mit Abraham Maimuni in vielen Punkten zusammen.Freilich entging Hillels vermittelnder Standpunkt, hier das freieDenken und dort den Wunderglauben walten zu lassen, der Rügenicht von denjenigen, welche, gleich ihm an Maimuni's Philosophiegeschult, nach Folgerichtigkeit strebten und an jedem Wunder, selbstin der Bibel, Anstoß nahmen. Solche consequente Denker gab esdamals in Italien zwei, einen geborenen Italiener Sabbatai b.Salomo aus Rom^) — ein zu seiner Zeit sehr angesehener Mann— und einen nach Rom eingewanderten Spanier Serachja b. Isaakaus der in Barcelona angesessenen berühmten Familie Ben-Schal-tiel-Chenb) (Gracian?). Namentlich war der Letztere, als Arztund Kenner der aristotelischen Philosophie, ein leidenschaftlicher Gegnerdes Wunderglaubens. Serachja-Chen scheute sich nicht, es auszu-sprechen, was selbst Maimuni sich nicht ganz klar gemacht hatte, daßman das religionsphilosophische Denken und die Gottheit der Offen-barung (und der talmudischen Agada) streng scheiden müsse, weil siesich mit einander nicht vertrügen. Die Vermischung dieser zweigrundverschiedenen Auffassungsweisen führe zu groben Jrrthümern Z.Ein nüchterner, wenn auch nicht origineller Denker, wollte Serachjadie als Thatsachen in der Bibel auftretenden Wunder rationalistischauf natürliche Vorgänge zurückgeführt wissen. Darüber gerieth er ineine heftige Fehde mit Hillel von Verona, welcher im Gegentheil ander Thatsächlichkeit der Wundererzählung festhielt. „Wenn Du,"bemerkt er spöttisch gegen Hillel, „wenn Du der freien Forschungden Buchstaben entgegensetzen willst, so wende Dich von den Schriftenüber die Natur und Philosophie ab, hülle Dich in den Gebetmantel,studire mystische Schriften, vertiefe Dich in die Geheimnisse des Buches
') In seinem Werke , auch mitgetheilt in Ollsmäa, 6-svasa, x. 41 f.
°) Citirt von Serachja Ben-Schaltiel in einem Sendschreiben an Hillelo^s-r bisollmack II. x. 141 f. Zunz zu Aschers Benjamin von Tudela II.x. 2V.
Vergl. über ihn OWV Usallvaack das. x. 120 f. p. 229 ff. und III. 110.
Z Osar Uselinmä II. p. 125, 129.