Druckschrift 
7 (1894) Geschichte der Juden von Maimuni's Tod (1205) bis zur Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal : 1. Hälfte
Entstehung
Seite
153
Einzelbild herunterladen
 

Bcn-Adret als Polemiker.

153

Grundwahrheit des Judenthums beruhe daher nur auf einzelnenZeugen und sei überhaupt zweifelhafter Natur. Ferner machte ergeltend, daß das gegenwärtige Judenthum eine ganz andere Gestalthabe, als zur Zeit der Könige und des Tempelbestandes; das gäbensogar die Juden zu, wie ja bekanntlich das Gebet gar nicht in derThora vorgeschrieben, sondern erst in späterer Zeit zur Pflicht gemachtworden sei. Ben-Adret gehörte nicht zu den selbstgenügsamenRabbinen, welche Angriffe auf ihre Religion mit verächtlichem Still-schweigen übergehen. Er trat auch dieser Herausforderung mit Mathentgegen und verfaßte eine eigene Schrift dagegen (Illaumur ul Ismus! Z,Seine Widerlegung geht von dem Gesichtspunkte aus, welcher in derNachmanischen Schule am schärfsten betont wurde: daß die ersteKundgebung des Judenthums, die sinaitische Offenbarung, nicht aufeinem einzigen Zeugen, auf der Verkündigung eines Propheten beruhe,sondern auf mehr denn 600000 Zeugen, dem ganzen Volke, welchesmit sinnlichen Organen und geistigem Verständniß die Zehnworte amSinai vernommen und sich zugleich von der Glaubwürdigkeit derSendung Mose's überzeugt hätte. Das sei aber der Grundzug desJudenthums, daß es neben dem Glauben auch die Prüfung und Be-währung heische, daß es einem einzigen Zeugen, und wäre dieser auchder bewährteste Prophet, nicht unbedingten Glauben einräume, wennsich dessen Verkündigung nicht anderweitig auf überzeugende Weisedargethan habe. Ben-Adret's Vertheidigung ist aber schwach; sie be-weist die Richtigkeit der Bibel ans der Bibel und bekämpft denkritischen Gegner mit talmndischen Waffen. Er bewegte sich darinstets im Kreise; er hat nach dieser Seite keinen glänzenden Sieggefeiert.

Bedeutender als nach Außen war Ben-Adret's Wirksamkeit inner-halb der Judenheit. Denn seine Zeit war eine tiefbewegte, in welcherder Scheidungsprozeß zwischen Wissenschaft und Glauben merklichervor sich ging, die Frömmigkeit sich immer mehr von dem Denken, dasDenken immer mehr von der Religion trennte. In den heißen Kampf derMeinungen und Glaubensansichten mischte sich auch die immer kühneranftretende Kabbala und warf ihre Schlagschatten auf den nur nochhalberhellten Grund des Judenthums. Die Streitfrage, ob MaimnniKetzereien geschrieben oder nicht, ob seine philosophischen Schriften zumeiden oder gar zum Scheiterhaufen zu verdammen seien, oder ob sieals eine ganz vorzügliche Norm des jüdisch-religiösen BewußtseinsBeherzigung verdienten, diese Frage entbrannte von Neuem und

st Auch diese apologetische Schrift ist von Perles edirt x. 124, ausderselben Handschrift.