128 Geschichte der Juden.
und dieses mehr als Galiläa." Die Gemeindeglieder der heiligenStadt waren theils getödtet, theils zersprengt worden, und die Thora-Rollen hatten Flüchtlinge nach Sichern gerettet. Es hatten sich zwarwieder 2000 Mohammedaner und 300 Christen in Jerusalem ein-gefunden; aber von Juden wohnten, als Nachmani es besuchte, nureine oder zwei Familien darin, welche noch immer die Färberei pacht-weise inne hatten. Marmorwölbungen und Baumaterialien aus derZeit der Kreuzzüge waren herrenlos geworden. Die jüdischen Pilger,welche aus Syrien dahin gekommen waren, erbauten auf Nachmani'sAnregung daraus eine Synagoge. Auf dem Oelberge, gegenüber denRuinen des einstigen Tempels, hauchte Nachmani sein tiefes Wehüber die Verödung der heiligen Stadt aus; aber es war keine Zionide,die seinem bewegten Gemüth entströmte. Die Poesie, welche Einödenzu bevölkern, zerstörte Reiche wieder anfzubauen, die Trauer zumildern und den Schmerz zu verklären vermag, dieses GnadengeschenkGottes, die Poesie Jehuda Halevi's, war Nachmani nicht zu Theilgeworden. Er klagte in Versen von anderen Dichtern Z.
Wie der Verbannte aus Spanien in dem Lande, das längstseine ideale Hcimath war, Synagogen baute und Gemeinden orga-nisirte, so gründete er in ihr auch eine Stätte für die jüdische Wissen-schaft, welche seit der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrervon dort entwichen war. Ein Kreis von Jüngern sammelte sich umihn, und selbst aus der Euphratgegend strömten ihm Zuhörer zu^).Sogar Karäer sollen zu seinen Füßen gesessen haben, so der späterberühmt gewordene Aaron b. Joseph der Aeltere^). Wiewohler kein Freund der freien Wissenschaft war und vollständig imtalmudischen Judenthum steckte, so hatte doch Nachmani, als SohnSpaniens, so viel allgemein Wissenschaftliches ausgenommen, daß er damitdie Oede der morgenländischen Juden befruchten konnte. Selbst seinekabbalistische Theorie, die er zuerst nach Palästina verpflanzte, wo siedann fortwucherte, stellte wenigstens gedankliche Gesichtspunkte auf,von denen seine dortigen, in Unwissenheit oder talmudischer Einseitig-keit befangenen Glaubensgenossen keine Ahnung hatten. Strebte erdoch auch, das Unvernünftige vernünftig zu erklären, und damitarbeitete er der Gedankenlosigkeit und dem Stumpfsinn entgegen. Nament-lich weckte er den Sinn für biblische Exegese, wofür die orientalischenJuden ganz abgestumpft waren. Zu diesem Zwecke arbeitete Nachmani
U Sendschreiben an seinen Sohn Nachman.
2) Pentateuch-Commentar zur Genesis 11, 28.
2) Elia Baschjazi Einleitung zu seinem Werke niru. Vergl. Perlesin Frankels Monatsschrift Jahrgang 1858 S. 8V Note 2.