Druckschrift 
7 (1894) Geschichte der Juden von Maimuni's Tod (1205) bis zur Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal : 1. Hälfte
Entstehung
Seite
69
Einzelbild herunterladen
 

Werth der kabbalistischen Theorie.

69

gereinigt und geläutert von der Erde zum Himmel zurückgekehrt seinwerden. Die Förderung und Beschleunigung dieser Gnadenzeit dergroßen Erlösung hänge also von den Frommen ab, von ihrer Ein-sicht und ihrem Verhalten. Welche Wichtigkeit erhielten nun dadurchdie Adepten der Kabbala! Nicht blos für Israel, sondern für dieganze Weltordnung haben sie einzustehen, indem sie durch ihr Thunund Lassen die Geburt der Messiasseele, als letzte aus dem Seelen-behältniß, befördern können.

Die Kabbala konnte sich rühmen, viel tiefer als die Religions-philosophie Maimuui's das Geheimniß des Judeuthums (8oä Doruli)erschlossen, seinen Zusammenhang mit der höhern Welt und der zu-künftigen Gestaltung der Dinge nachgewiesen zu haben. Welch weitenSpielraum hatte sie nun gar für Deutungen! Sie ließ an Verdrehungender heiligen Schrift die alexandrinischen Allegoristen, die Agadisten,die Kirchenväter und die jüdischen und christlichen Religionsphilosophenweit, weit hinter sich zurück. Asriel liebäugelte wenigstens mit derPhilosophie und gab sich Mühe, die Kabbala den Denkern annehmbarzu machen. Ein anderer Kabbalist dieser Zeit aber, Jakob b. Sche-schet Ge rundi aus Gerona (schrieb um 1243 oder 1246), stelltegeradezu seine Geheimlehre der Aufklärung der Philosophen entgegen.Er verschmähte jede Unterhandlung mit ihnen. Er warf ihnen vor,daßsie mit ihren Ansichten die Wahrheit zu Boden werfen. Siebehaupten, die Religionsgesetze hätten lediglich einen irdischen Zweck,wollten nur das leibliche Wohl fördern, das Staatsrecht begründen,Personen und Eigenthum vor Schaden bewahren. Sie leugnen diejenseitige Belohnung und Bestrafung. Sie meinen sogar, das Gebethabe nur einen innern Werth, die Gedanken und Gefühle zu läutern,und brauchte gar nicht mit den Lippen gesprochen zu werden." JakobGerundi hat nicht genug Schmähungen für diese philosophischenKetzerund Gesetzesverächter" und übertreibt seine Anschuldigungen gegendie Maimunisten. Um das Volk vor ihren Lehren zu warnen, setzteer seine kabbalistische Theorie in gereimter Prosa auseinander in einerSchrift^), welche indeß nur seine Geistesarmuth bekundet. Ge-rona, die Vaterstadt Esra's, Asriels, des Jakob b. Scheschet, Nach-mani's und vielleicht auch des Jehuda b. Jakar, war das erste warmeNest für die Kabbala, ehe sie recht flügge wurde.

Diese so stolz auftretende geheime Weisheit beruhte auf nichtsanderem als auf Täuschung, im besten Falle auf Selbsttäuschung ihrerUrheber. Ihre Theorie ist nicht alt, wofür sie sich ausgab, sondern

9 Vergl. über Jakob b. Scheschet Note 3.