188
Geschichte der Juden.
um ihnen Verbrechen anzndichten, über welche die Angeklagten mehrschauderten als die Ankläger, um ihre Glieder zu verrenken und ihreLeiber zu verstümmeln; ehe die Lügen von Kindermord durch Inden,von Brunnenvergiftung durch Juden, von Verzauberung durch Judenallüberall überhand nehmen, um den Harmlosesten mit Abscheu gegensie zu erfüllen; ehe sämmtliche Völker des christlichen Europa anBarbarei gegen Juden die wilden Mongolen übertreffen; ehe dietausendfachen Qualen das Blut aus ihrem Herzen, das Mark ausihren Gebeinen, den Geist ans ihrem Gehirn heranstreiben, sie zuSchwächlingen machen und ihren Himmelsflug zu einem niedernKriechen herabbringen; kurz ehe das gesteigerte Höllenlebeu für dieJuden eintritt, welches mit dem Papste Jnnocenz III. beginnt undmit Ferdinand dem Katholischen von Spanien seinen Höhepunkt erreicht,ist es rathsam, einen Blick auf die über den damals bekannten Erd-kreis zerstreuten jüdischen Gemeinden zu werfen, auf ihre Lage in denverschiedenen Ländern zu achten, um zu sehen, was sie damals nochbesessen, und was ihnen der teuflische Fanatismus später geraubt hat.Die im Namen von zwei Religionen gegen sie gepredigte Lieblosigkeithatte bis dahin noch nicht vermocht, sie überall als Auswürflinge zustempeln. Hier waren sie allerdings schon als eine fluchwürdigeNation verachtet und gehaßt, aber dort galten sie noch als geachteteBürger und Menschen. In dem einen Lande waren sie bereitsKammerknechte, aber in einem andern vertrauten ihnen noch Fürstenund Städte wichtige Aemter an; an einem Orte waren sie zu Leib-eigenen erniedrigt, an andern führten sie noch immer das Schwertund kämpften für ihre Unabhängigkeit. Eine gedrängte Uebersicht überdie Lage und die Bestrebungen der Juden in den Hauptländern derdrei Erdtheile der alten Welt in der zweiten Hälfte des zwölftenJahrhunderts bietet eine Fülle des Interessanten und giebt die rich-tigen Gesichtspunkte zur Würdigung der nachfolgenden Geschichte dar.
Der Kopfzahl nach waren die Juden Asiens bedeutender als dieeuropäischen, der Gehalt der Köpfe machte aber die letzteren über-legener, so daß Europa als Hauptsitz des Judenthums augesehenwerden muß. Hier war das Selbstbewußtsein geweckt, hier suchtendie jüdischen Denker die Lösung des Räthsels, was das Judenthuminnerhalb der übrigen Religionen und Völker bedeutet, und welcheAufgabe dem Einzelnen in der Gesammtheit zufalle. In Afrika wardas Denken im jüdischen Kreise ebenso getrübt wie im mohamme-danischen Asien; man folgte in der Religion dem von den Aeltern breitgetretenen Weg. Das Herz des Judenthums war noch immer aufder pyrenäischen Halbinsel. Das jüdische Spanien genoß noch immer