Druckschrift 
5 (1895) Geschichte der Juden vom Abschluß des Talmuds (500) bis zum Aufblühen der jüdisch-spanischen Kultur (1027)
Entstehung
Seite
255
Einzelbild herunterladen
 

Saadia und Salmon b. Jerucham.

255

sehr ungelegen, daß ein Rabbanite mit Geist und Wissen ansgestattet,in die Schranken gegen sie trat. Es entstand daher ein lebhafterKampf zwischen den beiden Bekenntnissen, der insofern nützlich war,als er das wissenschaftliche Interesse weckte. Ein Hauptgegner Saadia'swar der Karäer Salmon b. Jerucham (Ruchaim). Dieser Karäer(geb. in Fostat 885 st. um 960),'der in Palästina lebte, nur umeinige Jahre älter als Saadia war, und den die Karäer fälschlichals dessen Lehrer ausgaben, hatte sich nicht über die Mittelmäßigkeitseiner Glaubensgenossen erhoben. Er war eine heftige, gallige Natur,welche wissenschaftliche Fragen mit Keifen und Schimpfen erledigen zukönnen vermeinte. Als Salmon b. Jerucham von Palästina wiedernach Egypten gekommen war und gewahrte, daß Saadia's schriftlicheund mündliche Angriffe auf das Karäerthum sogar in karäischen KreisenEindruck gemacht und Zweifel erweckt hatten, brach er in eine ArtWuth gegen den jungen, geistvollen rabbanitischen Schriftsteller ausund nahm sich vor, eine doppelte Entgegnung anszuarbeiten, in hebräischerSprache für Kundige und in arabischer für das Bolk. In der hebräischenPolemik, die aus achtzehn alphabetischen Stücken in elenden Knittel-versen besteht (Uilobawot Z, behandelte er Saadia wie einen Buben,und die ganze Schrift ist durchweht von Schmähsucht und Grobheit.Nicht wegen ihres Inhaltes oder ihrer Fobm, sondern wegen der Artund Weise, wie die Karäer ihre Jrrthümer zu beschönigen suchten,verdient die polemische karäische Schrift einige Beachtung. Sie ist inForm eines Sendschreibens an die karäischen Gemeinden Egyptensabgefaßt.

Zuerst versuchte Salmon die Behauptung Saadia's zu wider-legen, daß es neben der schriftlichen Lehre noch eine mündliche gebe.Gebe es eine solche, so dürfte das Schriftwort nicht davon schweigen.Der Talmud, der sich als die mündliche Lehre ansgiebt, sei voll vonControversen und Meinungsverschiedenheit und enthalte lauter Unsicher-heit, der Eine behauptet Dieses, der Andere Jenes. Die sieben Beweise,welche Saadia für die Nothwendigkeit der mündlichen Ueberliefernngals Ergänzung zur schriftlichen aufgestellt, widerlegte Salmon nichtohne Geist. Dann setzte er weitschweifig auseinander, daß der rabba-nitische Festkalender nicht aus uralter Zeit stamme, da ihn der Talmudselbst nicht kennt. Er warf Saadia vor, daß er sich mit den Talmud-lehrern in Widerspruch gesetzt. Dann suchte Salmon mit schwachen

*) Von den Milchamot des Salmon sind abgedruckt Einleitung und erstesAlphabet in Orient Litbl. Jahrg. 1846 ool. 23, 163, 211 und ein Fragmentdaraus in Pinslers Uilckuts Beilagen S. 18. Der größte Theil ist nochManuskript in mehreren Bibliotheken.