Das Karäerthum.
173
gesorgt. Die Schulhäupter in Palästina und Babylonien sorgten mehrfür den Ausbau des Talmud, als für die correcte Erhaltung desheiligen Textes. Sie waren auch außer Stande, die Abschriften derExemplare für die über die Länder zerstreuten Gemeinden zu über-wachen. Ganz besonders waren dichterisch gehaltene Verse, welche dieAbschreiber nicht verstanden oder mißverstanden haben, arg verdorbenund entstellt.
Nun erwachte mit dem Eifer für das Verständniß der heiligenSchrift auch die Gewissenhaftigkeit für die Herstellung des richtigenTextes. Man forschte nach gut erhaltenen und zuverlässigen Exem-plaren. Aber was fand man? Man fand, daß auch die besserenExemplare in den Urwohnsitzen jüdischer Gemeinden nicht überein-stimmen. Morgenländische und abendländische, d. h. babylo-nische und palästinensische Exemplare wichen von einander in Vers-abtheilungen, in Wortformen und auch in andern Punkten ab, selbstin dem für allerheiligst gehaltenen Text des Fünfbuches der Thora.Die Verse aller Bücher wurden zwar aufs sorgfältigste gezählt, damitkeiner derselben verloren gehen sollte, und doch zeigte sich eine klaffendeVerschiedenheit in der Zählung. Während die Babylonier das Fünfbuchin 5888 Verse zerlegten, hatten'die Palästinenser die Zahl 15852.Auch in anderen Punkten zeigte sich bei der Vergleichung mannigfacheVerschiedenheit in der Schreibweise, fehlende Wörter und Buchstaben.Nun ließen es sich die Karäer sehr angelegen sein, einen correcten Textanzufertigen und die Masora, d. h. die Ueberlieferung zu berück-sichtigen. Aber wie gesagt, es kam zu spät. Sie konnten nur Ent-stellungen für die Zukunft verhüten, aber die Schäden von Jahr-hunderten nicht mehr verbessern, sie hatten auch keine Ahnung vonder eingerissenen Verderbniß. Die Rabbaniten, die Schulhäupter inBabylonien kümmerten sich noch weniger um Sicherung des Textes;ihr Eifer war noch immer der Auslegung des Talmud und derEntscheidung von praktischen Fragen zugewendet. Als Masoretenwerden namhaft gemacht: R'Jonathan, R'Chabib und R'Pinchasder Schulvorsteher (liosoli-ckeZelübalist, ohne daß man wußte, ob sieebenfalls Karäer waren, und zu welcher Zeit sie gelebt Habens.
Während die Karäer in Schriftstellerei außerordentlich thätigwaren, die Schriftauslegung (Bibel-Exegese), hebräische Sprachkundeund Masora anbauten, war der rabbanitische Kreis sehr unfruchtbaran literarischen Erzeugnissen. Nur eine einzige Erscheinung ist aus
st Note 17 II.
st Vergl. Hazefirah 1874 Nr. IS: (Brüll, Jahrbücher II. 174. H.j