Die Ananiten.
169
Schrifterklärung konnte das religiöse Thun in Frage stellen, dasGesetzliche ungesetzlich und umgekehrt machen. Wie er für die Ge-schichte kein Verständniß hatte, so hatte er auch keinen Sinn für diePoesie. Die heilige prophetische und dichterische Literatur diente ihmnur dazu, dieses und jenes Gesetz, diese und jene religiöse Bestimmungzu beweisen. Er verschloß dem frisch sich regenden poetischen Drangedie Pforten zum Heiligthume.
Eigenthümlich ist es aber, daß sich Anan und sein Anhang fürihre Opposition gegen den Talmud auf den Stifter des Christenthums »beriefen. Jesus sei, nach ihrer Ansicht, ein gottesfürchtiger, heiligerMann gewesen, habe gar nicht -als Prophet anerkannt sein, noch demJudenthum eine neue Religion entgegensetzen, sondern lediglich dieThora bestätigen, und die Menschensatzung aufheben wollen. DieEvangelien seien nicht als Urkunden einer neuen Offenbarung odereines neuen Bundes zu betrachten, sondern nur als LebensgeschichteJesu und als Ermahnungsschriften zu einem Leben nach der Thoraanzusehen. In Folge dessen erklärte Anan, die Juden hätten anJesus Unrecht begangen, ihn zu verurtheilen Z. Wie Anan denStifter des Christenthums anerkannte, so zollte er auch MohammedAnerkennung als Propheten für die Araber. Aber weder durch Jesus,noch durch Mohammed sei die Thora aufgehoben worden, da ihreVerbindlichkeit für alle Zeiten geltes.
Wie groß Anan's Anhang war, der ihm in die Verbannungfolgte, läßt sich nicht mehr ermitteln. Seine Jünger nannten sichnach ihm Ananiten und Karäer (Karaim, Karolinen, Bene Mikra),und ihren Gegnern gaben sie den Schimpfnamen Rabbaniten,was so viel als Anhänger von Autoritäten bedeuten sollte (Rabbanin,Ribbonin, Bene-Rab). Die Spannung und Gereiztheit war Anfangszwischen beiden Religionsparteien außerordentlich heftig. Daß dieVertreter der Hochschulen den Stifter und seine Anhänger in denBann gelegt und aus dem Kreise des Jndenthums ausgeschlossenhaben, versteht sich von selbst st. Aber auch die Karäer sagten sichihrerseits von den Rabbaniten los, gingen keine Ehe mit ihnen ein,nahmen an ihren Tafeln keinen Theil, ja mieden sogar am Sabbatdas Haus eines Rabbaniten zu besuchen, weil, nach ihrer Ansicht,
st Schahrastani, übersetzt von Haarbrücker I. 253, daraus Abulfeda bei äs8s,s^, Ollrsstornatilis arabs I. 326 und Makrizi Las. 36 l. Vergl. ein Citataus einer karäischen Schrift bei IVolh bidliotllsslr llsbrs.su IV. 1086.
st Makrizi bei äs 8us^ das. 361.
st Abu-Jakob b. Bakhtewi bei Pinsker Beilagen 75 und Abulsari SahalSendschreiben das. 37.