Der Tempelban.
315
Mit neidischem Blicke sahen indessen die Christen auf den An-fang der Arbeit (Frühjahr 363); denn der wiederhergestellte jüdischeTempel wäre eine handgreifliche Widerlegung der angeblichen Prophe-zeiung ihres Stifters: daß nicht ein Stein ans dem andern vomTempel bleiben werde, und daß der alte Bund durch den neuen auf-gehoben sei. Christliche Nachrichten wollen sogar wissen, der damaligeBischof von Jerusalem, Cyrill, habe dasselbe von dem beabsichtigtenneuen Tempel vorher verkündet. Die Lauheit von Seiten der Indenscheint aber am meisten dazu beigetragen zu haben, daß die angeblicheProphezeiung sich bewahrheitet hat, und daß der Bau wegen ein-getretener Hindernisse eingestellt wurde. Beim Aufreißen der Trümmerund beim Ansgraben des Grnndbanes brachen nämlich Flammen ans,welche einigen Arbeitern das Leben raubten Z. Ohne Zweifel ent-standen diese unterirdischen Flammen in den ehemaligen Erdgängenunter dem Tempel von der so lange zusammengepreßten Luft, die,plötzlich vom Drucke befreit, sich an der obern Luft schnell entzündethat. Die Plötzlichen Entzündungen häuften sich und machten dieArbeiter verzagt; sie ließen die Hände sinken. Hätten sich die Judendes Baues eifriger angenommen, so würden sie sich Wohl schwerlichvon diesem nicht unüberwindlichen Hindernisse haben abschrecken lassen;der hingebende Eifer scheut keinerlei Opfer. Aber ohne die warmeBetbeilignng der Juden erkaltete auch Alypius und erwartete weitereBefehle von dem Kaiser. Julian aber soll die Christen beschuldigthaben, daß sie gut prophezeien hatten, da sie den unterirdischen Brandangelegt, und ihnen gedroht haben, bei seiner Rückkehr aus dem Kriegeaus den Trümmern des Tempels ein Gefängniß für die Christenerbauen zu lassen^). Doch ist auch diese Nachricht, wie die meistenüber diese Thatsache aus christlichen Quellen geschöpft, durchaus un-zuverlässig.
Der verunglückte Ausgang des Tempelbaues war für die Christenzu sehr erwünscht, als daß sie die Geschichte nicht hätten ausbeutensollen, um den durch Julian's Abfall geschwächten Glauben wieder zuheben und zu kräftigen. Die christlichen Quellen der nachfolgendenGeneration erzählen die wunderlichsten Dinge von den Wundern, diebei diesem gottlosen Ban vorgefallen seien, die alle dazu dienen sollten,die verstockten Juden zu warnen und Christus zu verherrlichen.Stufenweise lassen sie die Wunder ans einander folgen. Beim Grund-legen habe sich ein Grundstein von seinem Platze verschoben und einetiefe Höhle in dem darunter befindlichen Felsen erblicken lassen. In
*) Tmmiauns das. Orosins VII. 32.