Druckschrift 
4 (1893) Geschichte der Juden vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud
Entstehung
Seite
286
Einzelbild herunterladen
 

286

Geschichte der Juden.

R. Abbahu seine kühne Wahrheit und seine richtige Auslegung vielleichtmit dem Tode büßen müssen.

R. Abbahu war einer jener bescheidenen, sanften, nachgiebigenCharaktere, die von ihrem eigenen Werth nm so weniger wissen, jehöher dieser ist. Als man ihm die Weihen ertheilen wollte, trat ervor R. Abba aus Akko zurück und wünschte diese Würde auf denselbenzuerst übertragen zu sehen, weil jener, von einer Schuldenlast gedrückt,sich durch die Promotion davon hätte erleichtern können Z. Ein andererVorfall stellt seine Anspruchslosigkeit noch mehr in's Licht. MitR. Chija b. Abba zugleich hielt er an einem fremden Orte Vorträge,jener halachisch-gesetzliche, R. Abbahu agadisch-erbanliche. Wie natür-lich waren die volksthümlichen, allgemein verständlichen VorträgeR. Abbahu's mehr besucht, als die schwerverständlichen R. Chija's.Als dieser sich über die Vernachlässigung, die seinen Lehrvorträgenwiderfuhr, empfindlich zeigte, beruhigte ihn R. Abbahn mit denWorten:Siehe, dein Lehrstoff gleicht den werthvollsten Edelsteinen,die nur selten Sachkenner finden; mein Thema hingegen gleicht demFlitterkram, der Jedermann gefällt." Um ihn noch mehr zu beschwich-tigen, erwies er an diesem Tage dem Empfindlichen alle möglicheAufmerksamkeit und Ehrenbezeigung; dennoch konnte R. Chija dieempfundene Zurücksetzung nicht verschmerzen^). Diese Anekdote istdeswegen nicht ganz unerheblich, weil sie als Zeichen der Zeit vondem Verfall der strengen Studien in Judäa Zeugniß ablegt. Diestirngefaltete, geistanstrengende Halacha fand keine Zuhörer, siemußte der leichtbeschwingten, geschwätzigen Agada das Feld räumen. Nicht einmal seine eigene Bescheidenheit wollte R. Abbahu geltenlassen. Er äußerte sich einst selbst darüber:Mit meiner gerühmtenDemuth muß ich gegen R. Abba ans Akko weit zurücktreten; dennderselbe ist nicht einmal über seinen Ansleger (Meturgeman) unge-halten, wenn er sich überhebt, zu den Auseinandersetzungen, welcheihm zugeflüstert werden, die seinigen keck hinznzufügen ^)." So hatteauch die Lehrdisciplin, welche sonst die Vorträge so ernst und würdevollgemacht hatte, einen Riß bekommen. Anstatt daß die Meturgemanennur das Organ des Vortragenden sein sollten, erlaubten sie sich, ihreeigenen Ansichten einzuflechten. Man klagte daher über die Dolmetscher,daß sie nur ans Eitelkeit ihr Amt versahen, um mit ihrer schönenStimme oder ihrer Schönrednerei zu prunken. Man wendete auf

8ota 40. a.2) Daselbst.

^ Daselbst.