Druckschrift 
4 (1893) Geschichte der Juden vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud
Entstehung
Seite
228
Einzelbild herunterladen
 

228

Geschichte der Juden.

über die Willkür der römischen Behörden, welche nach dem Tode desKaisers Alexander Sever während der Anarchie in allen Provinzendes römischen Reiches während eines halben Jahrhunderts eingetretenwar. In den meisten Provinzen Kaiser, Gcgenkaiser und Usurpatoren,die sür die kurze Spanne ihrer Regierung sich in den Ländern ihrerBotmäßigkeit als Weltherrscher mit römischer Raubgier geberdeten.Bete für mich," sprach R. Juda zu Ben-Lakisch,denn die römischeRegierung ist sehr schlimm." Jener antwortete ihm:Nimm nichts,

so wird dir nichts genommen werden!"') Die Aenßernng war einVerweis wegen der Habsucht, von welcher R. Inda nicht freizusprechenwar. Es scheint, daß in dieser Zeit die Patriarchen von den GemeindenEinkünfte zu beziehen angefangen Habens. Am derbsten sprach sicheinst über diesen Punkt ein sonst unbekannter Volksrcdner, R. Josöans Maon, in einem öffentlichen Vortrage in einer tiberiensischenSynagoge ans.Höret, ihr Priester," eiferte er, mit Anwendungeines Verses aus Hosea,warum obliegt ihr nicht dem Gesetzes-stndium, habe ich euch nicht dafür viernndzwanzig Priesterabgabenbestimmt? Ihr erwidert: wir bekommen nichts vom Volke; nun sovernimm es, Haus Israel, warum gebet ihr nicht den Priestern ihreGebühr? Ihr antwortet mir: die Leute des Patriarchen nehmen esvon uns mit Gewalt, so merke es, Haus des Patriarchen, denn übereuch wird ein strenges Gericht gehalten werden." R. Inda, unwilligüber diese Rücksichtslosigkeit, dachte daran, den Tadler zu bestrafen;aber R. Josö entfloh. Am andern Tage begaben sich R. Jochanan undBen-Lakisch zum Patriarchen, um ihn zu besänftigen; sie machten ihndarauf aufmerksam, daß es nicht ernst gemeint, sondern dem Rednereigentlich nur darum zu thun war, seine Zuhörer zu unterhalten, wieja auch der Momus (komische Maske) in den Theatern die gute Seitehabe, daß er das Publikum durch Unterhaltung von unsinnigen Streichenund Zänkereien abzuziehen suche. Auch, fügten sie hinzu, verdientR. Josö wegen seiner ausgezeichneten Gelehrsamkeit einige Nachsicht.R. Juda ließ sich überreden, mit seinem Tadler zusammen zu kommenund legte ihm einige Fragen vor, um ihn zu prüfen, unter Anderemüber den Sinn des Prophetenwortes:wie die Mutter so die Tochter"(Ezechiel 16-, 44). R. Josö, den Freimuth bis zur Beleidigung treibend,erwiderte:es bedeutet, wie der Naßi, so das Zeitalter, wie der Altar,so die Priester" 2). Obwohl gereizt über diese Schmähungen, scheintihm R. Juda verziehen zu haben. Sein versöhnlicher Charakter sahüber ähnliche Angriffe hinweg.

') Usnssla Uabba o. 78 ") Das. o. 100.

b) Das. o. 8V. .Isrns Lznbsärin II. Ende.

k

s