88
Geschichte der Juden.
wurde. Die Schlange spielt in diesem Systeme eine sehr wichtigeRolle; selbst Christus stellte dasselbe als die Wiedererscheinung derUrschlauge dar. Die Schlange, welche Moses in der Wüste ausErz aufrichteu ließ, zogen die Ophiten gleicherweise in ihr Systemhinein.
Allein so verschieden und einander widersprechend die Richtungender gnostischen Sekten waren, so hatten sie doch einige gemeinschaft-liche Lehren, in welchen sie alle znsammentrafen. Die gnostischenGrundgedanken betrafen das eigenthümliche Gottesbewnßtsein, dasihre Urheber im Widerspruche mit dem Gottesbegriffe des Judenthnmsentwickelten. Diese höchst wunderliche Lehre darf in der jüdischenGeschichte um so weniger-übergangen werden, als sie auch auf dasJudenthum von einigem Einflüsse war. Die Gnostiker dachten sichdas göttliche Wesen in zwei einander untergeordnete Prinzipiengetheilt, in einen höchsten Gott und einen Weltschöpfer. Den höchstenGott nannten sie das Schweigen oder die Ruhe und ließen ihn inhöchster Höhe ohne die geringste Beziebnng zur Welt thronen. SeinGrnndwesen sei Güte, Liebe, Gnade. Aus ihm gehen Ausstrahlungenans, welche einen Theil seines Wesens zur Offenbarung bringen;solche Ausstrahlungen nannten sie Aeonen (Welten), auch Himmelund Engel. Ueber die Zahl der Aeonen herrschte unter ihnen Ver-schiedenheit, doch zählten die Meisten Geist, Einsicht, Weisheit, Liebe,Wahrheit, Frieden und Macht als Aeonen auf. Es ist kaum mehrzu ermitteln, ob sich die Gnostiker die Aeonen als selbstständige Wesenoder lediglich als wesentliche Eigenschaften des höchsten Gottes gedachthaben. Unter das höchste Wesen setzten sie den Weltschöpfer (Deminrg),den sie auch Herrscher nannten; Einige betrachteten ihn als bloßen
Aeon. Ihm theilten sie das Geschäft der Weltschöpfnng zu, er leitet
die Ordnung der Welt; er hat das Volk Israel erlöst und ihm Ge-setze gegeben. Wie dem höchsten Gotte die Liebe und Gnade eigen ist,
welche mit Freiheit schalten, so besteht das Grundwesen des Welt-schöpfers in Gerechtigkeit und Strenge, die er durch Gesetze und Ge-bundenheit überhaupt geltend macht. Wie für Alles, so hatte manauch für dieses Verhältnis des gerechten Gottes zum Gotte der Güteeinen Prophetenvers gefunden. Man wendete darauf den Vers (JesaiasC. 6) an: „Wir wollen gen Juda hinaufziehcn und einen andern Königeinsetzen, den Sohn des guten Gottes (lobe!)" i). Den Schöpferlassen sie die Welt ans einem von Ewigkeit her vorhandenen Urstoffevermittelst der Weisheit (^ebamot) in der Weise erschaffen, daß sich,
') Uieron^mns in Usaiam 7. 6.