Druckschrift 
4 (1893) Geschichte der Juden vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud
Entstehung
Seite
82
Einzelbild herunterladen
 

82

Geschichte der Juden.

dem Bekenntnisse der Heidenchristen zn, sich ihn mit göttlichen Eigen-schaften begabt und mit Wunderkräften versehen zn denken.

Der Untergang des Tenipels war auch für die Entwickelung desChristenthums ein Wendepunkt. Das Anfhvren der Opfer erweckte inihnen den Gedanken, als habe das jüdische Gesetz einen empfindlichenStoß erlitten; sobald einige Theile des Gesetzes nicht mehr ausführbarwären, so habe das Ganze seine Bedeutung verloren. Allmäligbildete sich die Sage ans: Jesus habe den Untergang des Tempelsvorher verkündet, daß nicht ein Stein auf dem andern bleiben, daßaber auch durch ihn ein neuer Tempel erbaut werden würde. Daranknüpfte sich das Dogma von der sühnenden Kraft des Messias undseinem Hohenpriesteramtc, daß er also auch die sündentilgenden In-stitute, wie den Versöhnungstag, überflüssig gemacht hätte. Ueber-haupt übertrug man auf Jesus alle diejenigen Herrlichkeiten, welchedurch den Untergang des Staates verloren gegangen waren. Manlegte ihm also die drei höchsten Würden, das Königs-, Priester- undProphetenamt, bei. Je mehr die judenchristliche Anschauung die Per-sönlichkeit Jesu durch solche Uebertragnng idcalisirte, desto mehr ent-fernte sie sich vom Judenthume, mit dem sie noch immer eins zn seinglaubte. Es entstanden gemischte Sekten aus Ebioniten und Hellenen,und inan kann einen abwärtsführenden Stufengang bemerken vonden gesetzesstrengcn Ebioniten bis zu den gcsetzesverhöhnenden Anti-takten. Den Ebioniten zunächst standen die Nazaräer. Die Ver-bindlichkeit des ganzen jüdischen Gesetzes ließen auch sie wie jeneunangetastet, aber sie erklärten sich doch schon die Geburt Jesu ansübernatürliche Weise durch die Jungfrau und den heiligen Geist, undlegten ihm überhaupt göttliche Attribute bei*). Andere Judencbristengingen noch über die Nazaräer hinaus und gaben das Gesetz theil-weise oder ganz ans. Man nennt als solche die Meristen (vondem griechischen Worte /uk§oe, Theil), welche ihren Namen wohl vondem Umstande hatten, daß sie nur einzelne Theile des Gesetzes be-obachteten; ferner sdie Masbotäer )vom Worte Sabbat), welchenur noch den jüdischen Sabbat streng feierten, freilich dabei auchden Sonntag, als Herrentag. Endlich gab es eine Sekte Genisten(von ---vox, Geschlecht), die nur noch der Abstammung nach Judenwaren ^).

Nach solchen Vorgängen war ein völliger Bruch zwischen Judenund Judenchristen unvermeidlich; es mußte endlich ein Zeitpunkt ein-treten, in welchem die letzteren selbst fühlten, daß sie nicht mehr zur

U OrlKenss contra Lelsnm V. 61. h Siehe Note 11.