Die Hcidenchristen in der nachapostolischen Zeit. 79
juden erfüllte, Schoß, Zoll, Abgabe und Steuer an die Römer zutiefernst. Dieses Zugeständniß an die bestehende Staatsmacht, diesesLiebäugeln mit dem sündhaften Rom, welches das Judenchristenthumin der Hölle Pfuhl verwünschte, war ein Grund mehr, die Christendes verschiedenen Bekenntnisses von einander abzustoßeu. Es gabeigentlich nur wenige Punkte, in denen sie einig waren.
Allein wie sehr auch die von Paulus mit seinen Gesinnungs-genossen gegründete Gemeinde das Gesetz, als eine Knechtschaft desGeistes, gründlich verachtete und verwarf und sich den Ein-gebungen der durch den Glauben an Jesu Auferstehung und Gött-lichkeit gekräftigten Gesinnung, als einer neuen Religion der Freiheit,überließ, die gewissenhaften Gemeindeführer mußten doch bald dar-auf kommen, Vaß ohne bindende Regel das religiöse, sittliche undgesellschaftliche Verhalten der Gemeindeglieder schrankenloser Willküranheim gegeben war. Wenn jeder selbst über sein Thun und LassenRichter sein soll, wenn er blos von einem der Handlung fernliegendenFürwahrhalten einer vergangenen Thatsache geleitet, entscheiden soll,was ihm erlaubt sei, dann ist dem individuellen Meinen, der Leiden-schaft und Laune Thür und Thor geöffnet und der ZügellosigkeitVorschub geleistet. So manche unter den Hcidenchristen überließen sichdaher in der nachapostolischen Zeit mit Berufung auf die evangelischeFreiheit und Entbundenheit vom Gesetze groben Lastern und Aus-schweifungen der Unzucht, gegen welche die Stimmführer warnenmußtenst, aber weil sie die Schranke des Gesetzes niedergerissen hatten,konnten sie keinen rechten Anhaltepunkt angeben und mußten sich mitder nichtssagenden Phrase behelfen: „Alles ist mir gestattet, aber nichtAlles frommt mir." Aber auch religiöse Fragen, die mit dem Juden-thum im Zusammenhänge standen, traten an die heidcnchristlichen Lehrerheran und setzten sie in Verlegenheit. Wenn Alles zu genießen erlaubtist, darf dann ein Christ auch Götzen opfern, und darf Wein, welcherfür die falschen Heidengötter ausgegossen worden, gebraucht werden? stDas war den in der Gotteseinheitslehre erzogenen Jndenchristen einbesonderer Gräuel und daher durften sich die Heidenchristen nichtohne Weiteres darüber hinwegsetzen. Selbst der jüdischen Sitte, daßdie Frau nicht entblößten Hauptes und öffentlich, wie z. B. im Bet-hanse erscheinen soll, mußten sie Zugeständnisse machen st. So sehrsie sich auch gegen das Jndenthum abschließen wollten, so fand dochmancher jüdische Gebrauch Eingang bei ihnen. Ihre Gemeinde-st Das. 13. 6. 7.
st Das. 5. 1. fg. 7. Ans. I. Timotheus 3. ll.
st Das. o. 10 . st Das. 11. s. 13 sg.