Druckschrift 
4 (1893) Geschichte der Juden vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud
Entstehung
Seite
74
Einzelbild herunterladen
 

74

Geschichte der Juden.

das Gesetz Mosch's aufzulösen, sondern es zu erfüllen." *) Mitgeradezu feindlichem Sinne gegen die gesetzesoerachtenden Heiden-christen machten sie den Ausspruch von Jesu geltend:Wer auch nureines der geringsten Gesetze anfhebt und die Menschen also lehret,wird der Geringste im Himmelreiche, wer sie aber übet und lehret,wird groß genannt werden im Himmelreiche." Selbst die Anhäng-lichkeit der Judenchristen an Jesus war auch nicht der Art, sie vomJudenthume zu entfernen. Sie hielten ihn für einen heiligen, sittlichgroßen Menschen, der auf natürliche Weise von seinen Eltern Josephund Maria ans dem Geschlechts Davids gezeugt worden. DieserSohn Davids habe dadurch das Himmelreich gefördert, weil er dieMenschen lehrte, arm und demüthig zu leben, den Reichthum zu ver-achten und sich gegenseitig als Brüder, als Kinder Gottes, zu liebenund zu unterstützen, und weil er wie keiner vor ihm, das ganzeGesetz erfüllt habe. Ihr Wahlspruch war das Wort Jesu:Glücklichsind die Armen, denn ihnen ist das Himmelreich." Sie lebten daherganz wie die Essener, ans deren Mitte das Christenthnm überhaupthervorgegangen ist, gemeinschaftlich und hatten eine gemeinsame Kasse,zu welcher ein Jeder sein Eigenthum steuerte. Von dieser Nicht-achtung des Reichthums und der Vorliebe für die Armuth führtensie den Namen Ebioniten oder Ebionäer (Arme), der ihnen abervon ihren christlichen Gegnern als Spottname nmgedentet wurde, alswenn sie arm an Geist wären, weil sie Jesus nicht für den ein-gebornen Sohn Gottes anerkennen mochten. Die Judenchristen hattenfrüher ihren Wohnsitz in Jerusalem; während des Krieges flüchtetensie sich nach Pella, einer der zehn von Griechen bewohnten Städtejenseits des Jordans (Dekapolis); doch gab es auch von ihnenEinzelne oder kleine Gemeinden in Galiläa, namentlich in der StadtKapernanm und in Syrien, besonders in der Hauptstadt Antiochien,wo die Anhänger Jesu zuerst den Namen Christen (Christianer) alsMessiasglänbige annahmen. Ans Furcht von der andern Parteiüberflügelt zu werden, hatte die judenchristliche Urgemeinde auchihrerseits Sendboten an die auswärtigeil Gemeinden abgeordnet, umihnen neben dem Glauben an Jesu Messianität die fortdauerndeVerbindlichkeit des Gesetzes einzuprägen. So gründete auch sieColonien, aber jiidenchristliche; die wichtigste wurde mit der Zeit diein der Welthanptstadt Rom.

Diesen entgegengesetzt waren die H e i d e n ch r i st en, welche vonPaulus und seinen Jüngern Timotheus und Titus für den Glauben

Aattüaeus 5. 17. kt. Labbiik. 1t8. b.