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4 (1893) Geschichte der Juden vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud
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Geschichte der Juden.

der Entscheidung nach Mehrheitbeschlüssen gedrungen haben. DasKollegium, damals aus der außergewöhnlichen Zahl von 72 Mit-gliedern bestehend, nahm also zur Prüfung der einseitig angenommenenLehrsätze ein Zeugenverhör auf von oenjenigen, welche im Besitze vonTraditionen waren, lieber zwanzig Personen werden namhaft gemacht,die ihre Zeugnisse über überkommene Traditionen vor diesem Kollegiumablegten, darunter auch zwei Weber, die am Schuttthore Jerusalems,in dem ärmlichsten Stadttheile gewohnt hatten. In vielen Punktenschlug die Mehrheit des Kollegiums einen Mittelweg zwischen denentgegengesetzten Ansprüchen der schammaitischen und hillelschen Schuleein, sie entschied,nicht wie diese und nicht wie jene". Bei andernstreitigen Lehrsätzen stellte sich das Ergebniß heraus, daß Hillel selbstoder dessen Schule von ihrer Ansicht abgegangen war und sich schonfrüher der schammaitischen zugeneigt hatte. Auch über andere Halachaswurden damals Zeugnisse vernommen. Dieses halachische Zeugen-verhör scheint förmlich zu Protokoll genommen worden zu sein, wurdevielleicht gar niedergeschriebcn, wie ja auch im altern Synhedrin beiöffentlichen Verhandlungen die Abstimmungen der Bejahenden undVerneinenden von zwei eigens dazu bestellten Schriftführern aus-genommen wurden ^). Die Sammlung der Zeugnisse von diesem Tageführt den NamenAdojot" (Zeugenaussagen), auchBechirta"(Auswahl), und war ohne Zweifel die allerältestc Halachasammlnng.Man erkennt in ihrem Inhalte noch die alte, kunstlose Form derUeberlieferung; die Lehrsätze sind da noch ganz ungeordnet, ohneZusammenhang untereinander hingestellt, und nur durch den Namen desUeberlieferes zusammengefügt. Das Bindemittel für den verschieden-artigsten Stoff scheint die Zahl gewesen zu sein. Doch enthält dieSammlung Adojot auch Zusätze aus späterer Zeit 2).

Ein Zwischenfall bei dieser Verhandlung gewährt einen sichernEinblick in die Art, den Ernst und die Gewissenhaftigkeit der tanaiti-schen Bestrebungen. Akabia b. Mahalallel, ein Zeitgenosse diesesGeschlechtes, hatte über vier Halachas Zengniß abgelegt, über welcheaber eine andere Tradition im Umlaufe war. Das Kollegium forderteihn auf, von seiner Ueberlieferung abzustehen, und man versprach ihmdafür, ihn zum Ab-bet-diu, zum Stellvertreter des Naßi, zu wählen.Würdevoll erwiderte Akabia:Ich will lieber mein Lebelang ein Narrgenannt werden, ehe denn ich eine Stunde vor Gott als Uebertreterstehen sollte." Bei einer Halacha berief man sich gegen ihn auf ein

*> L^nbsürln 36. b.

2) Siehe über alles die treffliche Abhandlung von Uappaport, Lsrsm6bsme<l, Jahrgang 1841, S. 176. ff.