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4 (1893) Geschichte der Juden vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud
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Einteilung des Traditionsstoffes.

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den Nacken gesetzt und mit den Römern gemeinschaftliche Sache gemacht,hatten die für die Freiheit und Nationalität glühenden, zelotischcnLehrer des Volkes geistige Waffen geschaffen, die verhaßte Fremd-herrschaft zu bekämpfen. In die scheinbar harmlose Auslegung desBibel- und besonders des Prophetenwortes mischten sie ironische An-spielungen und spitzige Andeutungen auf Edom, den Bruder unddoch Feind Jakobs. Diese Anspielungen, einmal angebahnt, wurdenhäufiger, witziger und zugleich erbitterter gegen N o m angcwcndet, alsdieses ohne Fug und Recht Judäa in eine Provinz verwandelt und ihmBlutsauger als Beherrscher vorgesetzt hatte. Jeder Vortrag in denLehrhäusern, vielleicht auch in den Synagogen, war eine mehr oderweniger versteckte politische Polemik gegen die römische Tyrannei; dieStichwörter waren Edom, Esan, das biblische Vorbild für dasPrinzip des blutigen Schwertes, der Gottlosigkeit und der Verhöhnungdes Gesetzes. So hatte sich eine eigene Vortragsweise und Schrift-auslegung gebildet, beziehungs- und anspielungsreich, voller Stachelnund Spitzen, welche in den Vorgängen und Zuständen der Vergangen-heit die Gegenwart hcrauskehrte und abspicgeln ließ. Sie wurdeAga da (Homilie) genannt; sie gebrauchte jedes rednerische Mittel, umauf das Gemüth der Zuhörer zu wirken: Fabeln, Parabeln, nur nichtsinngemäße Exegese. Die Lehre zerfiel in zwei Fächer oder Haupt-theile: der eine mit G esetzes ch arakter führte den Namen Mis-chna(aramäisch Llatuita , gleichsam die zweite Lehre neben

der schriftlichen Lehre (LlLra), als der ersten. Die Kenner undUeberlieferer der Mischna hießen Tanaim (Tana'iten), von denendieses Zeitalter den Namen erhalten hat. Der andere Theil der Lehreohne Gesetzescharakter umfaßte die Agada oder die Predigtartige,zwangslose Auslegung der heiligen Schrift.

Der Inhalt der Mischna wurde in dreifachen Lehrweisen vorge-tragen, die jedoch in innigem Zusammenhänge und ineinandergreifen-der Wechselwirkung zu einander standen.

Die erste Art war, die überlieferten Gesetzesbestimmungen einfachmitzutheilen im Namen einer älteren Autorität oder kraft einesSynhedrialbeschlusses, ganz trocken ohne weitere Erläuterung, eigentlichnur für das Gedächtniß berechnet, damit die Gesetze, beim Mangelan schriftlichen Dokumenten, nicht der Vergessenheit verfallen sollte».Solche ganz bestimmte, kurz gefaßte Sätze nannte man Halacha, daseben so gut Herkommen, Brauch, wie Praxis bedeutet. HalachischeSätze sollten zur Sicherheit der Ueberliefernng mit denselben Wortenmitgetheilt und weitergefördert werden, wie sie aus dem Munde desLehrers vernommen worden, um dadurch jedem willkürlichen Zusatze

Gractz, Geschichte der Jude». UV. 2