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4 (1893) Geschichte der Juden vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud
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Geschichte der Juden

schlossen hatten. Diese wenigen Ueberbleibsel im jüdischen Lande unddie Gemeinden im benachbarten Syrien, welche immer noch gehoffthatten, Titus werde den Tempel, den Mittelpunkt des Cultus undder Religion, verschonen, waren von dessen Brand tieferschüttert undverzweifelt. Der Schmerz und die Betäubung über den Verlust deswie eine Pforte znm Himmel verehrten Tempels hatte noch größereKreise ergriffen. Die Diaspora in Babylonien und in griechisch reden-den Ländern, Aegypten, Kleinasien und selbst in Griechenland hing mitdem tiefsten Empfinden des Herzens an dem Flecken Moria. Vonhier aus hatten sie die Weisung über ihr religiöses Thun und Lebenerhalten. Von Zion war für sie die Lehre ansgegangen und dasGotteswort von Jerusalem vermittelst des in der Qnaderhalle desTempels tagenden Synhedrion. Nun war dieses völlig aufgelöst, dieMitglieder entweder umgekommen oder zersprengt. Wie wird sich dasJndenthum als Lehre und religiöses Bekenntniß in dieser allgemeinenAuflösung erhalten können? Und wie wird die Judenheit, welche bisdahin lediglich durch das Band der gemeinsamen Lehre und gewisserInstitutionen zusammengehalten wurde, vor Zersplitterung und Zer-fahrenheit geschützt werden können? Der Untergang des Judenthumsund damit zugleich der Gesammtjndenheit hätte damals viel sicherervoransverkündet werden können, als zur Zeit der babylonischen Ge-fangenschaft.

Der Fortbestand beider gleicht allerdings einem Wunder; aberauch ein Wunder bedarf natürlicher Bedingungen, vermöge deren essich in die Erscheinung ringt. Welche Bedingungen waren wirksam, daßein neues einheitliches Band sich knüpfen konnte, die Gesammtjndenheitzu umschlingen und einen neuen Mittelpunkt zu schaffen?

Von Bedeutung war es, daß eine Bevölkerung, wie gering auchan Zahl, im Lande geblieben ist, bleiben durfte, daß die Sieger zwardem von der Provinz Syrien getrennten Judäa zur größeren Be-wachung eine entsprechende militärische Besatzung gaben, deren Befehls-haber zugleich Statthalter von Judäa warH, daß sie aber nicht einedurchgreifende Exportation verhängt haben. Glücklich war die Lage derUeberbleibsel im Landestheil Judäa keineswegs. Sie mußten unterden feindlichen Blicken der römischen Beamten zittern. Da Vespasiandas eroberte Land als sein Eigenthnm erklärt hatte, so mußten diezurückgebliebenen Ackerbauer und Winzer den Boden von der Fremd-herrschaft pachten. Sie konnten mit den Worten des Klageliedesseufzen: Unser Erbe ist Fremden zugewendet, unsere Häuser den

') S. Schürer, Gesch d. jüd. V. rc. 1890 I x. 539.