Erste Periode des dritten Zeitraums,
die talmudische Zeit.
An dieser fast tausendjährigen Periode beschäftigt sich die jüdischeGeistesthätigkeit vorzüglich und fast ausschließlich mit dem theoretischenAusbau des religiösen Lebens, mit der Feststellung der als Über,lieferung überkommenen Lehrsätze nach allen Verzweigungen und An-wendungen. Im Anfang dieser Periode ist zwar das Streben sicht-bar, noch einmal einen Versuch zu wagen, das verlorene PolitischeLeben wieder zu erlangen. Dieses Streben erzeugt Reibungen, Auf-stände, Kriege und neue Niederlagen. Aber bald tritt diese PolitischeBewegung zurück, um der rein geistigen Thätigkeit den ganzen Spiel-raum zu überlassen. Dann beginnt die bienenartige Emsigkeit, dieÜberlieferung zu sammeln, zu sichten, zu erläutern und anzuwcnden,dis neuhinzugekommenen Erläuterungen und Anwendungen zu ordnenund zu einem Ganzen abznschließen, endlich aus diesem riesenhochaufgeschichteten Material Auszüge für den Lebensgebrauch anzulegen.Diese Riesenarbeit des talmudischen Baues, woran mehr denn zwanzigGeschlechter, Lehrer und Schüler, Beamte nnd Handwerker, Palästinenserwie auswärtige Inden mit ihrer ganzen Geisteskraft, mit Aufopferungder Lebensfreuden gearbeitet haben, darf nicht als Geistesspiel müßigerGelehrten oder als ein Kettcnschmieden herrschsüchtiger Priester be-trachtet werden, sondern es ist ein echtes Nationalwerk geistigenStrebens, woran, wie an dem Ban einer Volkssprache, nicht diesernnd jener, sondern das ganze Volk Antheil hatte. Dies bekundetzugleich die veränderte Richtung in dem Entwicklungsgang der jüdischenGeschichte, nämlich das Hervortreten der Denkthätigkeit und das Ver-senken in den Schacht der Forschung. Ueberliefern, erklären,vergleichen und unterscheiden, überhaupt theoretische Beschäftigung,bildet von jetzt an die Hauptrichtung für ein Jahrtausend, die sichdurch nichts von dem eingeschlagenen Wege abbringen und störenläßt. Auf einen Augenblick zurückgedrängt, tritt dieser Trieb um so