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Einleitung.
Dreimal hat die Weltgeschichte in diesem Zeiträume ihr Kleid gewechselt.Das greise Römerthum siechte und sank ins Grab; in dessen Moderentwickelte sich die Puppe der europäischen und asiatischen Völker,diese entfalteten sich wiederum zu der glänzenden Schmetterlingsgestaltdes christlichen und islamitischen Ritterthums, und ans den ein-geäscherten Burgen desselben schwang sich der Phönix gesitteter Völker-verhältnisse empor. Dreimal wechselte die Weltgeschichte, aber dieInden blieben dieselben, höchstens wechselten sie die äußerliche Form.Dreimal wechselte aber auch der geistige Gehalt der Weltgeschichte.Ans dem ausgeprägten, aber hohlen Bildnngszustande versank dieMenschheit in Barbarei und finstere Unwissenheit; ans der Unwissenheiterhob sie sich wieder in die lichte Sphäre einer höheren Bildung; dergeistige Inhalt des Judenthnms blieb derselbe, nur sättigte er sichmit neuen Gedankenstoffen und Gedankenformen. Hat das Jnden-thum dieses Zeitraums die ruhmreichsten Märtyrer aufznzählen,neben denen die gehetzten Dulder anderer Völker und Religions-bekenntnisse fast glücklich zu nennen sind: so hat es auch hochragendeDenker erzeugt, die nicht bloß eine Zierde des Judenthnms gebliebensind. Es giebt wohl keine Wissenschaft, keine Kunst, keine Geistes-richtnng, woran die Juden nicht mitgearbeitet, worin Juden nichtihre Ebenbürtigkeit dargethan hätten. Denken ist ein eben socharakteristischer Grundzng der Juden geworden, wie leiden.
In Folge der größtentheils gezwungenen, selten freiwilligenWanderungen der Inden, umfaßt die jüdische Geschichte dieses Zeit-raums die ganze bewohnte Erde, sie dringt bis in die Schneercgiondes Nordens, bis in die Sonnenglnth des Südens, sie durchschifftalle Meere, sie siedelt sich in den entlegensten Erdwinkeln an. Sobaldein neuer Thcil der Erde von einem neuen Volke in Angriff genommenwird, so finden sich sofort Zerstreute dieses Stammes ein, mit ihrerEigenthümlichkeit jedem Klima, jedem Ungemache trotzend. Wird einneuer Welttheil entdeckt, so sieht derselbe bald jüdische Gemeindenhier und da sich durch einen inneren Krystallisationstrieb gestaltenund grnppiren, ohne weltliche Nachhülfe, ohne äußeren Zwang. Umden in seinem eingeäscherten Zustande noch heiligen Tempel stehendie in alle Weltgegenden Zerstreuten in einem großen unübersehbarenKreise, dessen Peripherie zugleich die Enden der bewohnten Erdebilden. Durch diese Wanderungen sammelte das jüdische Volkneue Erfahrungen, und der Blick der Heimathlosen übte undschärfte sich; so trug selbst die Leidensfülle dazu bei, den Gesichts-kreis der Denker im Judenthume zu erweitern. Die überwältigendenEreignisse der Weltgeschichte, von der Zeit an, wo über das über-