Druckschrift 
9 (1907) Geschichte der Juden von der Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal (1494) bis zur dauernden Ansiedlung der Marranen in Holland (1618)
Entstehung
Seite
115
Einzelbild herunterladen
 

Reuchlin und die Dominikaner.

115

zu wollen. Sie möchten es ihn: nicht übel nehmen, wenn er, ein Laie,sich erlaubt habe, über theologische Dinge zu sprechen, und sie möchtenes wie den ärztlichen Rat eines Priesters betrachten, der sich zuweilenerlaubt, in Krankheitsfällen mitzusprechen. Er bat flehentlich, inanmöchte ihm seine Jrrtümer nachweiseil und ihn nicht ungewarnt b er-daminen.Der Hahn möge ihm vorher krähen, ehe es donnert undblitzt." Etwas mutiger schrieb er gleichzeitig au einen ehemaligen Be-kannten, den D o m i n i k a n e r p r o f e s s o r Konrad Kollin,mit der Bitte, seine Sache bei der theologischen Fakultät in Cöln günstigdarzustellen und das drohende Ungewitter von ihm abzuwenden.In diesem Sendschreiben wagte Reuchlin, das Haupt der Finsterlinge,I a k o b H o ch st r a t e n, anzugreifen. Er teilt dem Freunde mit derMiene des Unglaubens von seiner Seite mit, daß viele Hochstratenfür den Mitverfasser der Pfefferkornschen Schmähschrift hielten undihn wegen Undankes verspotteten, den er von den Dominikanerntrotz so vieler ihnen geleisteter Dienste erfahre.*)

Gewiß nicht ohne boshafte Absicht haben die Cölner ihn fast zweiMonate auf Antwort warten lassen, um ihn durch die Ungewißheitüber das ihm bevorstehende Geschick mürbe zu machen und zu Kreuzekriechen zu lassen. Erst anfangs Januar (1512) wurden ihm zwei Briefezugestellt, der eine offiziell von der theologischen Fakultät und derandere privat und scheinbar gemütlich von Kollin; beide sollten einanderergänzen. Das Dekanat machte ihm zum Vorwurf, daß er das löblicheBeginnen des Kapers, die Judenbücher zu verbrennen, durch seinDazwischentreten gestört, daß er sich als Begünstiger des jüdischen Un-glaubens verdächtig gemacht, daß er den Juden, welche seinen Augen-spiegel gelesen und verbreitet hätten Schadenfreude und Gelegenheitgeboten habe, noch ferner Christus, die Jungfrau, die Apostel zuschmähen, daß er durch Verdrehung der Worte der Schrift Ärgernisgegeben und feine aufrichtige Gläubigkeit verdächtigt habe. Ohnedie Verwendung Tongerns und Kollins müßte die Fakultät einestrenge Zensur über ihn verhängen. So aber wollte sie ihm Nachsichterweisen und es ihm überlassen, die Steine des Anstoßes, die er hin-geworfen, selbst aus dem Wege zu räumen, entweder seine ungenügendeVerteidigung (in lateinischer Sprache) mehr zu begründen oder seingünstiges Urteil über den Talmud, als gehorsamer Sohn der Kirchezu widerrufend) Kollin ergänzte dazu in erheuchelter Freundschaft,daß er es gewesen sei, der ihm den Gnadenweg bei der Fakultät gebahnthabe. Er sprach bei dieser Gelegenheit die Formel aus, mit welcherdas Riesengebäude der katholischen Kirche steht und fällt, daß ein

*) Reuchlüis Briefs. II. Rr. I I, 12."st Das. Nr. 13.

8 *