140
Geschichte der Juden.
Indessen der Eifer, den Esra entflammt hatte, war zu tieseingedrungen, als daß er durch Unglücksfälle so leicht hätte erlöschenkönnen. Er wirkte auch in solchen, die eine bescheidene Stellungeinnahmen und im Rathe keine Stimme hatten. Sobald die Zer-störung und Verödung Jerusalems erfolgt war, eilten einige Männer,vom Schmerz über die traurigen Vorgänge in Juda durchwühlt,nach Persien, um von dort aus Hilfe zu suchen. Sie rechnetenbesonders auf Nehemia, den judäischen Mundschenk an ArtaxerxesHofe (o. S. 124), dessen Verwandter Chanani Augenzeuge derVorfälle gewesen war. An ihn wandten sie sich und machten ihmeine grauenhafte Schilderung von der traurigen Lage der Judäerin der Heimath und von dem Verfall der heiligen Stadls). „DieUeberbleibsel dort im Lande sind in großem Unglück und in Schmach,die Mauern Jerusalems sind durchbrochen und die Thore verbrannt."Nehemia war bei der Nachricht entsetzt. Er gehörte zu den Gesctzes-eifrigen in Persien und war womöglich noch strenger als Esra^).Jerusalem, die heilige von Gott besonders beschützte Stadt, lebtein seiner Vorstellung wie mit einer Feuermauer umgeben, der sichkein Feind ungestraft nahen dürfte. Und nun war sie wie jedeandere irdische Stadt geschwächt und geschändet! Indessen ließ ersich von dem Schmerze nicht übermannen. Nehemia war ein Mannvon unermüdlicher Thatkraft und Erfindungsgabe. Am Hofe hatteer die Kunst des Regierens gelernt, wie man mit festem Willendie Menschen lenken und die Verhältnisse bändigen kann. Sein
h Berthcau bemerkt mit Recht zu Neh. 1, 4, daß aus dein Eingänge derNehemianischen Denkschrift hervorgeht, daß Chanani und die Männer mit ihmeinen Unglücksschlag meldeten, von dem die Gemeinde in Juda erst jüngst betroffenund dessen Uinfang dein Nehemia bis dahin unbekannt geblieben war. Da dichFolgerung feststeht, so müssen zwei Schlüsse daraus gezogen werden: 1. daß diesog. Urkunde von Artaxerxes zur Vereitelung der Befestigung JerusalemslEsra 4, 17 fg.) unecht sein muß. Denn wenn die Mauern in Artaxerxes' Zeit— vor Nehemia's Rückkehr — nicht errichtet werden durften, so konnten sie nichtzerstört worden sein. Es ist also falsch, diese Urkunde als authentisch anzusehen.2. Daß die Zerstörung der Mauern, worauf sich ein großer Theil der Nehemia-nischcn Denkschrift bezieht, von Sanballat, Tobija und den Samaritanern aus-gegangen sein muß. Wer sollte sic sonst angcrichtet haben, wenn nicht dichFeinde? Und als Grund zu dieser leidenschaftlichen Feindschaft muß die Ent-lassung der Frauen angesehen werden.
2) Folgt aus allen Angaben seiner Denkschrift, auch aus Neh. 1,11J-v.' worunter er sich besonders zählt: auch das. V. 7.