Druckschrift 
2. Geschichte der Israeliten vom Tode des Königs Salomo (um 977 vorchr. Zeit) bis zum Tode des Juda Makkabi (160) 2 (1876) Vom babylonischen Exile (586) bis zum Tode des Juda Makkabi (160)
Entstehung
Seite
56
Einzelbild herunterladen
 

56

Geschichte der Juden.

Als Cyrus endlich den längst gehegten Eroberungszug gegenBabylonien antrat, und die Spannung unter den jndäischen Exu-lanten beklemmend wurde, zumal die Verfolgung gegen die National-gesinnten sich noch immer mehr steigerte, trat ein Prophet auf miteiner Glut von Beredtsamkeit, welche in dieser Form ihres gleichensucht. Wenn ein Kunstwerk darin seine Vollendung hat, daß Inneresund Acußeres, Gedanke und Form in Einklang sind, daß diese dieTiefe der Ideen anschaulich und allgemein verständlich macht, so ist dielange prophetische Rede oder die Reihe der Reden dieses Propheten,den man aus Unkenntniß seines Namens nothbehilflich denzweitenJesaia" oder denbabylonischen Jesaia" nennt, ein redne-risches Kunstwerk ohne Seitenstück. Vereint findet sich in diesenReden Gedankenfülle mit Formvollendung, hinreißende Kraft mitschmelzender Weichheit, Ebenmaß von Einheit und Mannigfaltig-keit, dichterischer Schwung mit Einfachheit, und dieses Alles in einerso edlen Sprache und in so warmen Tönen gehalten, daß sie, ob-wohl nur für die damalige Zeitlage berechnet, zu allen Zeiten ver-standen werden und ergreifend wirken. Der babylonische Jesaia hatseine leidenden judäischcn Zeitgenossen tröstend erheben und aufein hohes Ziel Hinweisen wollen und hat damit dem leidenden isra-elitischen Stamm vor den Augen aller mit Sinn und Herz Begabten,welchem Stamme und welcher Zunge sie auch angchören, die Lösungeines Räthsels nah gelegt, deren Richtigkeit die nachfolgenden Jahr-tausende bewährt haben: wie ein Bolksstamm zugleich klein und groß,zugleich elend und zum Tode gehetzt und doch unsterblich, zugleichverachteter Knecht und erhabenes Musterbild sein kann. An Ge-dankenhoheit und Glanz übertrifft der zweite Jesaia bei weitem denersten, obwohl jener nur innerhalb des engen Kreises einer zählbarenGemeinde ein beschränktes Gebiet für seine Beredtsamkeit. hatte, dieleicht in Eintönigkeit und Wiederholungen hätte verfallen können,während dieser in einer volkreichen Hauptstadt im Anblick desHeiligthums mit Abwechslung über die sich darbietenden Stoffesprechen konnte. Nur in einem Punkte steht der zweite Jesaia demersten nach, in der glücklichen Wahl dichterischer Bilder und Gleich-nisse, oder richtiger jener scheint von der Höhe seiner lichtvollenund zugleich poetischen Darstellung diesen Schmuck verschmäht zuhaben. Wer war dieser Prophet, zugleich tiefer Denker und Dichter?Nichts, gar nichts hat er von sich verlauten lassen, noch haben