Der Statthalter Flaccus.
331
und erklärte sie als Fremde und Rechtlose ^). Es war dies ein empfind-licher Schlag für die auf ihre bürgerliche Gleichberechtigung stolzeJudenschaft Alexandriens, die zum Ruhme dieser Hauptstadt durchWissenschaft, Kunst, Gewerbe und Schiffahrt ebensoviel beigetragen hattewie die griechischen Bewohner. Flaccus war damit aus der Rolle desgleichgültigen Zuschauers herausgetreten und beteiligte sich fortan selbstan den gesetzwidrigen Aufläufen.
Die Judäer wurden aus den vier Stadtteilen Alexandriens heraus-gejagt und in das von ihnen bewohnte Quartier Delta am Hafenzusammengedrängt. In die verlassenen Häuser und Werkstätten stürztesich die beutelustige Menge, plünderte, zerstörte und vernichtete, wasder Fleiß von Jahrhunderten angesammelt hatte. Mehr als vierhundertHäuser judäischer Besitzer wurden zerstört 2 ). Die wohlhabendsten,darunter drei angesehene Männer, Mitglieder des judäischen Rates,Euodios, Tryphon und Andron, die durch die Zerstörung undPlünderung ihrer Häuser um ihre ganze Habe gekommen waren, ver-fielen in Dürftigkeit. Das Delta belagerte der Pöbel, um niemandenherauszulaffen, und dachte die in einen engen Raum zusammengedrängtejudäische Bevölkerung durch Hitze und Hunger aufzureiben. Trieb derMangel an Lebensmitteln einige aus dem belagerten Quartier heraus,so wurden sie aufs grausamste mißhandelt und gefoltert und mitleidslosins Feuer geworfen oder ans Kreuz geschlagen. Dieser Leidensstanddauerte über einen Monat. Plötzlich ließ der Statthalter achtunddreißigMitglieder des hohen Rates, unter ihnen auch die drei genannten, inihren Wohnungen überfallen, in Fesseln schlagen, ins Theater schleppenund in Gegenwart des ganzen Pöbels geißeln (31. Aug. 38^). DieserGewaltstreich war um so härter, als die von den Kaisern bestätigtenPrivilegien der alexandrinischeu Judäer sie vor entehrenden Strafenschützten. Außerdem war die Geißelung an des Kaisers Geburtstagvollstreckt worden, der selbst für Verbrecher einen Aufschub der Strafeherbeizuführen pflegte. Einige Ratsglieder hauchten, wahrscheinlichwegen vorgerückten Alters, unter Schmerzen das Leben aus. Anderehatten später noch davon zu leiden. Selbst das weibliche Geschlechtwurde mißhandelt und beschimpft. Sobald judäische Frauen oder Mädchensich blicken ließen, gab man ihnen, Schweinefleisch zu essen, und wennsie sich weigerten es zu genießen, wurden sie unbarmherzig gefoltertDamit noch nicht zufrieden, ließ Flaccus einen Centurio mit Soldatendie Häuser der Judäer im Delta überfallen und untersuchen, ob sienicht Waffen verborgen hielten. Nicht einmal die Gemächer schamhafter
') Das. 8 fg.
-) Das. 8, 11.
-) Das. 10.
h Das. 11.