Die ersten Christen, Ebioniten und Nazaräer. 309
jedem geringen Umstande eine höhere messianische Beziehung; selbst daßer nicht in Bethlehem, sondern in Nazaret geboren war, sollte dieErfüllung einer Prophezeiung sein: „damit er Nazaräer (Nasiräer?)genannt werde" i). So waren denn die Anhänger überzeugt, daß Jesus,der Nazaräer, der Christus (Messias) sei. War das Gemüt der Gläubigenvon dieser Seite aus beruhigt, so fiel es nicht schwer, einer anderenFrage zu begegnen: Wann soll denn aber das verheißene Himmelreicheinkehren, wenn der Träger und Vollbringer desselben den Kreuzestodgestorben? Die Hoffnung gab Antwort darauf: „Der Messias werdein seinem Glanze mit den Engeln des Himmels wiederkommen, unddann werde er jedem nach seiner Tat vergelten." Sie glaubten:„Einige von den damals Lebenden werden den Tod nicht kosten, bissie den Mcnschensohn in sein Reich werden kommen sehen" (Uarusis) °).Jeden Augenblick erwarteten die Gläubigen daher die Wiederkunft Jesuund unterschieden sich nur in diesem einen Punkte von den Jndäern,nur daß sie die Messianität ans eine schon bekannte Persönlichkeit über-trugen. Nach seiner Wiederkunft werde Jesus das tausendjährigeReich gründen, das Sabbatjahrtausend, nach Ablauf der sechsJahrtausende der Welt, das den Gläubige» alle Wonnen des Friedensund jede irdische Glückseligkeit bringen werde (Olntinsmus) ^). Um diesenGlauben zu erhalten, durfte Jesus nicht dem Tode verfallen, sondernmußte wieder erstanden sein. Vielleicht ans Anlehnung an die biblischeErzählung von dem Propheten Jonas, der drei Tage im Bauche desFisches zugebracht hatte, bildete sich die Sage, Jesus sei drei Tage inder Gruft gelegen und sei dann wieder auferstanden, sein Grab seileer gefunden worden. Mehrere Anhänger wollten ihn nach seinemTode bald hier, bald da gesehen, mit ihm gesprochen, seine Wundenbetastet und sogar mit ihm Fische und Honigseim gegessen Habens.
i) Matth. 2, 23. Dieser Vers ist sehr dunkel.
") Das. 16, 27. 28 und Parallelstellen. Auch Paulus glaubte an dasbaldige Wiedererscheinen Jesu. Vergl. w. u.
°) Apokalypse 20, 4—6.
Die Erzählung von der Auferstehung Jesu, „die stärkste oder gar einzigeund letzte Burg des Christentums," erklärt der Apologet Keim selbst als die,in Widersprüchen und Sagenhafügkeiten schwimmend, schlecht bezeug testeTatsache in den christlichen Quellen." (Jesus von Nazara III, 529). Keimselbst, immer bestrebt, den historischen Christus aus unhistorisch gehaltenenQuellen zu retten, erklärt sich die Auferstehung als eine Art Vision: „Mansah Jesus, hörte vielleicht ein einziges Wort, das war alles" (S. 540). SchlimmeAusflucht für den Glauben wie für die Geschichte! Konsequenter lassen andereApologeten wegen der mehr als zehn Widersprüche in der Bezeugung der Auf-erstehung sie lieber ganz fallen, nicht bloß Renan, sondern auch Ewald,Hausrath und andere. Damit ist es aber nicht abgetan. Das einzige