Druckschrift 
3. Geschichte der Judäer von dem Tode Juda Makkabis bis zum Untergange des judäischen Staates 1 (1905)
Entstehung
Seite
291
Einzelbild herunterladen
 

Die Apostel. 2!N

ein judäischer Lehrer mit Frauen und noch dazu von solchem Rufverkehrte.

Indessen wußte Jesus diese Sünder und Zöllner, diese verwahr-losten und unsittlichen Geschöpfe durch Wort und Beispiel zu sich zuerheben, ihren Sinn mit Liebe zu Gott zu erfüllen,daß sie würdigeKinder des Vaters im Himmel seien", ihr Herz durch Innigkeit undHeiligkeit zu veredeln, ihren Lebenswandel durch die Aussicht,in dasHimmelreich einzugehen" zu bessern. Das war das größte Wunder,das er vollbracht hat. Das waren die Tauben, die er hören gemacht,die Blinden, denen er die Augen geöffnet, die Kranken, die er geheilt,die Toten, die er zum Leben geweckt hat. Ein Menschenbildner stehtunendlich höher als ein Wundertäter. Jesus lehrte vor allem seinemännlichen und weiblichen Jünger die essäisch leidenden Tugenden derSelbstverleugnung, der Demut, der Güterverachtung, der Verträglichkeitund Friedfertigkeit. Seinen Anhängern befahl er, weder Gold, nochSilber, noch Erzgeld in ihren Gürteln zu halten, noch zwei Kleiderzu besitzen, noch Schuhe an ihren Füßen zu tragen *). Er stellte ihnenKinder als Muster auf, daß sie so sündenrein wie diese werden undeine Wiedergeburt an sich vollziehen ^), um Mitglieder des im Anzugebegriffenen messianischen Reiches werden zu können. Das Gebot derNächstenliebe und der Verträglichkeit steigerte er bis zur Selbstlosigkeit.So dir jemand einen Streich auf eine Wange gibt, so reiche ihmauch die andere hin, und so dir jemand das Oberkleid nimmt, sogib ihm auch das Hemd" ^). Die Armen lehrte er, nicht für Speiseund Trank und nicht für Kleidung zu sorgen; er wies sie auf die Vögeldes Himmels und die Lilien des Feldes hin, die ohne Sorgen genährtund gekleidet werden. Die Reichen lehrte er auf die rechte Art Almosenzu geben,daß die Linke nicht wisse, was die Rechte tut"Z. DenVerstockten gab er die Weisung, wie sie im stillen Kämmerlein betensollten, und stellte dafür eine kurze Formel auf (Vater unser), diemöglicher Weise bereits bei den Essäern üblich war^).

An dem bestehenden Judentume rüttelte Jesus keineswegs, er dachtegar nicht daran, Verbesserer der judäischen Lehre zu werden, oderüberhaupt etwas Neues zu stiften. Er wollte lediglich die Sünder be-lehren, daß auch sie Kinder Gottes seien, und sie für die messianischeZeit würdig machen. Die Einheit Gottes betonte er nachdrücklich und

Z Matthäus 10, 910 und Parallelstellcn.

2) Das. 18, 34: 19, 14 und Parallelstellsn.

°) Das. 5, 3940. ') Das. 6, 3.

5) Anklänge an das Vaterunser finden sich in jüdischen Gebetstücken, wievon mehreren nachgewiesen wurde, zuletzt von Hippolyte Rodrigues.