Tiberius Verhalten gegen das Judenthum. 265
war, läßt sich wegen der Dunkelheit der Nachricht nicht ermitteln Z.Die Folgen davon waren, daß der Haß zwischen den beiden Völker-schaften von neuem aufloderte, und daß die Wachen bei dem Tempel,welche den Leviten oblagen, verschärft wurden. Nicht lange nach dieserBegebenheit wurde Coponius abberufen und an seine Stelle MarcusAmbivius und bald darauf dessen Nachfolger Annins Rnfus er-nannt — in sieben Jahren drei Landpfleger (7—14), was jedenfallsfür die Nation ein Übel war, indem jeder derselben auf Bereicherungausging und das Volk aussog.
Augustus' Tod (14) änderte an den judäischen Verhältnissen garnichts; Judäa fiel dem neuen Cäsar Tiberius unter so vielen Ländernals Erbschaft zu. Äußerlich mögen sich die Provinzen unter Tiberius'Regierung nicht übel befunden haben; denn dieser Vertilger der römischenAristokratie war gegen das Volk nicht ungerecht. Er erleichterte auchauf die Klagen der Judäer wegen des unerträglichen Steuerdruckesdie Abgaben und sandte einen anderen Landpfleger in ValeriusGratus^), der sein Amt elf Jahre verwaltete (15—26). Innerlichaber war Tiberius noch mehr als sein Vorgänger und Adoptivvatergegen das Judentum eingenommen, gleichsam als hätten die cäsarischenTräger des Römertums geahnt, daß das römische Wesen und derrömische Kultus durch das Judentum den Todesstoß empfangen werden.Bei aller Rücksicht, mit welcher Augustus die Judäer behandelte — erund seine Gemahlin Livia weihten dem Tempel Geschenke und ließensogar für sich in dem Heiligtnme zu Jerusalem Opfer bringen — warihm doch die judäische Religion widerwärtig. Er lobte daher seinen EnkelCajus Cäsar dafür, daß er nach Herodes' Tode auf seinem Zugenach dem Orient Judäa nicht besucht und im Tempel zu Jerusalemnicht geopfert hatte ^). Die Abneigung mag sich vermehrt haben, alsRömer, besonders aber römische Frauen, sich dem Judentume zuneigten.Die Begeisterung der Judäer für ihre Religion und ihren Tempelbildete einen scharfen Gegensatz zu der Nüchternheit der Römer, derPriester wie der Laien, gegen ihren Nationalkultus. Diese religiöseWärme verfehlte nicht, religionsbedürftige Gemüter unter den HeidenHinzureißen und dem Judentume Proselyten zuzuführen. Der Unter-gang der Freiheit im monarchischen Rom hatte das Ideale, wofür Höch-ts Josephus Altert. XVIII, 2, 2. Vergl. dazu die Noten in der Haver-campschen Ausgabe. Möglich, daß dieser Fall Gelegenheit für die Bestimmunggegeben hat, daß das Passah-Opfer ausnahmsweise auch bei levit. Unreinheitdargebracht werden dürfe.
») Josephus Altert. XVIII, 2, 3.
2) Sueton, VuAnstus 93.