Druckschrift 
3. Geschichte der Judäer von dem Tode Juda Makkabis bis zum Untergange des judäischen Staates 1 (1905)
Entstehung
Seite
208
Einzelbild herunterladen
 

208

Geschichte der Juden.

stets nachgiebig und versöhnlich selbst gegen Jüngere. Seine Mild-tätigkeit kannte keine Grenzen, und er verfuhr auch dabei mit jenerZartheit, den Empfänger von Wohltaten nicht durch die Gabe zu be-schämen, sondern ihn seinem Stande gemäß zu ehren. Es wird vonihm erzählt, er habe einem heruntergekommenen Erben eines edlen Ge-schlechtes nicht bloß den nötigen Bedarf, sondern so viel zukommenlassen, daß er standesgemäß leben konnte; er habe ihm einen Sklavenzur Bedienung und sogar ein Roß zum Reiten gekauft'). Sein Gott-vertrauen hob Hillel über jede Furcht hinweg, und er hat es so sehrden Gliedern seines Hauses einznslvßen gewußt, daß er, als er einstbeim Eintreten in die Stadt ein klägliches Jammergeschrei hörte, be-haupten durfte:Ich bin gewiß, daß diese Jammertöne nicht ausmeinem Hause dringen" -). In diesem Geiste sind auch die Sinnsprüchegehalten, die Hillel, mehr noch als seine Vorgänger, in kerniger Kürzehinterlassen hat. Einer derselben lautet:Sorge ich nicht für mich(meine Seele), wer täts? Tn' ichs nur für mich, wieviel vermag ich?Wenn nicht jetzt, wann sonst?"Sei von den Jüngern Ahrons, liebeden Frieden, suche den Frieden; liebe die Menschen, so führst du siezur Lehre" ^). Durchdrungen von der hohen Bestimmung Israels, diereine Gottesverehrung zu erhalten und zu lehren, Pflegte er dieseÜberzeugung beim Freudenfeste des Wasserschöpfens im Tempel sinnigauszudrücken:Bin ich (Israel) hier, so ist alles hier; fehle ich, werfindet sich ein?"''). Die Lehre des Judentums stand ihm so hoch, daßer empört darüber war, wenn er sie als Mittel zur Befriedigung desEhrgeizes und der Ruhmsucht gemißbraucht sah.Wer seinen Namenzu erhöhen trachtet, erniedrigt ihn, wer sich nicht der Lehre befleißigt,verdient nicht zu leben, wer nicht zulernt, verkümmert, wer die Kroneder Lehre benutzt, vergeht" ^).

Wie Hillel wegen seiner hohen Tugenden den Späteren als Idealvorschwebte, so gilt seine Wirksamkeit wegen der Entwickelung, die siedem gesetzlichen Judentum gegeben, als ein Wendepunkt; er wird da-her nächst Esra als der geistige Wiederhersteller der Lehre betrachtet,der sie aus dem Zustande des Verfalls heransgerissen hat. Nach zweiSeiten hin wirkte er erfrischend und belebend. Den Stoff der münd-lichen Lehre, den er in dem Umgänge mit den Synhedristen Schemaja

') los. Uea Ende.

-) Lsraebot KO a. cksrns. Lsraobot, g. 14 b.

°) L,bot I, 12. 14.

') 8ncoa 53 a. Vergl. losakot z. St. u. cksrns.

5) .^bot I, 13.

") 8neea 10 a.