Hillel.
207
Beurteilung anderer entspringt, endlich jener aus tiefstem Gottvertrauenhervorgegangeue Gleichmut, der im Anblick des hereinbrechenden Un-glücks unerschütterlich standhaft bleibt. Die spätere Zeit kannte keinvollkommeneres Ideal der Milde und Bescheidenheit als den Babylo-nier Hillel *), und die dichterische Sage verarbeitete diese Züge mitbesonderem Wohlgefallen und dramatischer Lebendigkeit. Zwei Per-sonen gehen eine Wette miteinander ein, ob Hillel wohl znm Zornegereizt werden könne, und der eine von ihnen, der sich dessen anheischiggemacht, ermüdet Hillel, obwohl dieser bereits eine hohe Stellung ein-nahm, wiederholentlich mit kindischen Fragen und unehrerbietigenÄußerungen. Hillel erwidert dem lästigen Fragesteller stets mit uner-schütterlicher Milde, beantwortet die Fragen mit Gelassenheit und hatfür die derben Ausfälle gegen ihn kein zürnendes Wort. Die Sageläßt ferner Heiden sich au Hillel wenden, die Proselyten werden wollenunter unausführbaren Bedingungen. Der eine will das ganze Juden-tum in der kürzesten Zeit erlernen, während man auf einem Fuß stehenkönne; ein anderer will sich nur zur schriftlichen Lehre bekennen, diemündlichen Zusätze aber nicht annehmen; ein dritter möchte in denjudäischen Bund ausgenommen werden, um sich mit der hohenpriester-lichen Würde bekleidet zu sehen. Hillel habe für alle diese Forderungeneine milde Antwort gegeben nnd die Proselyten so sehr zu gewinnengewußt, daß sie von ihren Bedingungen absteheu. Demjenigen, welcherdas ganze Judentum nur in einen einzigen Satz zusammengefaßt au-nehmeu wolle, habe Hillel den goldenen Spruch gegeben: „Was dirunangenehm ist, das tue auch andern nicht," das ist das Haupt-gebot, alles andere nur Ausführung desselben ^). Dieser Grundsatzedler Menschenliebe, der später als eine neue Offenbarung von denHeiden begrüßt worden ist, stammt zweifellos von Hillel; denn er istein Ausfluß seines weichen, menschenfreundlichen Gemüts und wirddurch andere Sprüche, die sich von ihm erhalten haben, bestätigt.
Seinen friedfertigen Charakter betätigte Hillel, so oft seine Ansichtspäter auf Widerspruch stießt); theoretisch folgerichtig, war er praktisch
-y Ladbar 30 k, ff.
2 ) Das. n'i.iTi s >2 n'n n 'ZL Hpi. Daß dieser Kernspruch
alt ist, folgt aus Philo, welcher ihn unter den ungeschriebenen Gesetzendes Judentums aufführt: Lav rot?
^7 Trotts »öroi- (bei Eusebius prasparatio svanK. VIII, 7,p. 358, Philo, Fragm. bei Mangey II, p. 628). Das Verbum -/ö-alpr» ent-spricht vollkommen dem -bpi. Es ist jedenfalls dem Chaldäischen nach-gebildet und stammt ohne Zweifel von dem aus Babylonien eingewandertenund Chaldäisch redenden Hillel. Jedenfalls ist es älter als Jesus. Vergl.weiter unten Kap. II. losepbta 6baK>Z;a o. 2. Labil Lo^a 20a.