170
Geschichte der Juden.
mehr in die Tiefe der Gesetzesforschnng versenkende Richtung derPharisäer, welche seitdem immer weitere Kreise an sich zog und zuletztdas einzig Beharrende und Trostbringende ward. Sie wurden dahernicht bloß als bedeutende Weise, sondern auch als kundige Schriftaus-leger (Oarsolwnim) gepriesen *). Möglich, daß sie die genauere Schrift-deutung aus Alexandrien, wo die grammatische Fertigkeit heimisch war,nach Judäa verpflanzt haben. Von welcher hohen Gesinnung dieSynhedristen beseelt waren, wird ein später erfolgter Vorfall beweisen,der zugleich von der Entwürdigung zeugt, welche die Fremdherrschaftund Hyrkans Schwäche über die Nation gebracht haben.
Die äußere Geschichte Judäas hat eine Zeit lang nichts anderesals Auflehnung gegen die römische Gewaltherrschaft und die unglück-seligen Folgen derselben, Bedrückungen, Räubereien und Tempel-schändnngen einzutragen, welche die römischen Machthaber und ihreHelfershelfer fast zu täglichen Erlebnissen machten. In dieser Drangsals-zeit scheint der Brauch eingeführt worden zu sein, das Buch Esther inden Bethänsern an dem Feste Purim öffentlich zu lesen, und diesesFest religiös-vorschriftlich zu begehen. Die Verlesung sollte die Nationdaran erinnern, daß ihr Gott in früherer Zeit ihr in Nöten beizustehenpflegte, auch ohne wunderbares Eingreifen, und daß er sie anch indieser Zeit nicht verlassen werde 2). Mit der Selbsthilfe den Römerngegenüber war es vorüber. Aristobul war es gelungen, mit seinemSohne Antigonos aus Rom zu entkommen -— wobei ihm wohl nichtnur seine römischen Stammesgenossen, sondern auch Senatoren in Rom,Pompejns' Gegner, behilflich gewesen waren — und in Judäa einzu-treffen. So drückend ward das römische Joch empfunden, daß derfrüher bei der Nation nicht allzusehr beliebte Aristobul jetzt mit Be-geisterung empfangen und als Retter in der Not begrüßt wurde.Jedermann stellte sich ihm zur Verfügung, so daß nicht genug Waffenvorhanden waren, sämtliche Freiwillige in Krieger umznwandeln. Einjudäischer Unterfeldherr, Pitholaos, der bisher ans Hyrkans Seitegestanden und Aristobul hatte bekämpfen helfen, weihte ihm jetzt seinSchwert. So konnte Aristobul über ein Heer von achttausend Mannverfügen, mit dem er vor allem versuchte, die Festung Alexandrionwiederherzustellen und von da aus durch einen Guerillakrieg die Römer
ff Uesaobiw 66 a. Bergt. 7ob.
ff Wie angegeben (Note 3, Nr. tö) war das Purimfest zur Zeit der Ab-fassung des ersten Makkab. nicht bekannt, wohl aber zur Zeit der Abf. desII. Makkabb. Zur Zeit Hillels wurde das Buch Esther bereits in den Kanonausgenommen (Note 17). Im Talmud Megilla 7 a ist noch eine Erinnerunggeblieben, daß das Einführen des Purim-Festes Bedenke» erregt hat.