Druckschrift 
3. Geschichte der Judäer von dem Tode Juda Makkabis bis zum Untergange des judäischen Staates 1 (1905)
Entstehung
Seite
93
Einzelbild herunterladen
 

Die Essäer.

o

93

Diese Äußerlichkeiten waren für sie jedoch nur eine Vorstufe,rnn sich eine innere Frömmigkeit, die innige Gemeinschaft mit Gotl,anzueignen, welche nach der Ansicht des Altertums nur in der Fluchtaus der Welt, in stiller Abgeschiedenheit und in asketischer Lebensweisezu erlangen sei. Schmucklose Einfachheit in Nahrung und Kleidung,Nüchternheit, Sittsamkeit (2sn!ut), stets bereite Aufopferung für anderewaren zwar Tugenden, welche die Essäer zierten, aber sie waren ihnennicht eigentümlich, indem sie sie mit den Pharisäern teilten. Was dieEssäer auszeichnete, war die Scheu vor einer Eidesleistung, dasöftere Beten und die Beschäftigung mit einer Art Geheimlehre.Vor dem Gebete sprachen sie kein profanes Wort, und nachdem siebei dem ersten Erglänzen des Tagesgestirns das Schema-Gebet gelesen,sammelten sie sich in stiller Andacht znm eigentlichen Gebete, das einfreier Erguß des Gemütes sein sollte. Denn vorgeschriebene Gebet-formeln gab es überhaupt in dieser Zeit noch nicht. Ihre Mahlzeitbetrachteten die Essäer als eine Art Gottesdienst, ihre Speisetafel alseinen Altar, und die Nahrung, die sie zu sich nahmen, gleich einerheiligen Opfergabe, die sie mit Andacht und Sammlung verzehrten.Kein unheiliges Wort entfuhr ihrem Munde während der Mahlzeit;meistens verhielten sie sich dabei in lautloser Stille. Dieses Schweigenmuß auf die außerhalb des Ordens Stehenden einen um so mächtigerenEindruck gemacht haben, als das wahre Wesen dieses sich abschließendenOrdens den Zeitgenossen unbekannt war und als etwas schauerlichMysteriöses erschienen sein mochte.

Es lag Wohl nicht von vornherein in der Absicht der Essäer,sich in eine Art Geheimlehre zu vertiefen; aber ihr asketisches Wesen,ihr Stillleben, welches der Beschaulichkeit so viel Nahrung gab, ihreSorglosigkeit um Familie, endlich ihre religiöse Schwärmerei mußtensie darauf führen, andere Wahrheiten im Judentum zu suchen, alsdem nüchternen Sinn darin erscheinen. Vor allein scheint ihnen derGottesname Stoff zu tieferer Betrachtung gegeben zu haben. Ist derGottesname so heilig, so müsse auch schon in den Buchstaben desselbenetwas Geheimnisvolles liegen. Die Essäer, welche infolge ihrer Zurück-gezogenheit Muße dazu hatten, grübelten über dieses Geheimnis nach.Der Name Gottes war ihnen so heilig, daß sie sich scheuten, einenEid, der mit demselben bekräftigt werden mußte, zu leisten. Sie be-zeugten ihre Aussagen an Eidesstatt durch ein einfaches Ja oder Nein.Mit dem Geheimnisse des Gottesnamens hing aufs innigste die Be-deutung der Engelnamen zusammen. Obwohl das Wesen der Engel,ihre Zahl, Namen und Rangordnung, dem Jndentnme ursprünglichfremd, aus der Theologie der Magier stammten, so wurde doch die