Druckschrift 
3. Geschichte der Judäer von dem Tode Juda Makkabis bis zum Untergange des judäischen Staates 1 (1905)
Entstehung
Seite
87
Einzelbild herunterladen
 

Die Gesetzeslehre.

87

bezeichnte solche pharisäische Heuchler alsGefärbte (Xeduün), welcheSchlechtigkeiten wie Simri begehen und Gotteslohn wie Pinehas ver-langen." Man tut den Pharisäern Unrecht, wenn man sie samt undsonders als Scheinheilige verdammt. Sie waren vielmehr in ihremUrsprünge die edelsten Bewahrer und Vertreter des Judentums undvon strenger Sittlichkeit; selbst ihre Gegner, die Sadduzäer, konntennicht umhin, ihnen das Zeugnis zu geben,daß sie sich in diesemLeben abhärmen, aber schwerlich in einem zukünftigen Leben Lohnfinden werden."

Diese schroffe Gegenpartei der Pharisäer verfolgte, wie schonangedentet, eine national-politische Richtung. Zu den Sadduzäerngehörten die jndäische Aristokratie, die tapferen Krieger, die Feldherren,die Staatsmänner, welche in den Kämpfen mit den Syrern und anderenVölkern Ehren und Reichtümer erworben oder als Gesandte an denHöfen verkehrt und durch nähere Berührung mit der Außenwelt freiere,weltlichere Lebensansichten sich angeeignet hatten. Sie bildeten sicherlichden eigentlichen Kern des hasmonäischen Anhanges, der in Schlachtenund Unterhandlungen den Führern treu diente. Zu ihnen gehörtenwohl auch Griechlinge, welche vor der Ungeheuerlichkeit des Abfalleszurückschreckten und sich bekehrt hatten. Ihren Namen hatten sie ver-mutlich von einem Führer Zadok (Sadduk). Den Sadduzäern gingdas Interesse an dem judäischen Gemeinwesen über das an der judäischenLehre und an dem Gesetze. Der glühende Patriotismus war ihr vor-herrschendes Gefühl, und die Frömmigkeit nahm in ihrem Herzen erstdie zweite Stelle ein. Als erfahrene Weltmänner mochten sie von derÜberzeugung ausgegangen sein, daß das bloße Vertrauen auf Gottund die strenge Übung der Religionsgesetze nicht ausreichen, die Unab-hängigkeit des judäischen Staates zu erhalten. Sie stellten daher denGrundsatz auf: der Mensch müsse seine körperlichen und geistigen Kräftedazu anspannen; man dürfe sich nicht durch religiöse Bedenklichkeitenzurückhalten lassen, politische Verbindungen einzugehen oder Kriege zuführen, wobei eine Verletzung der Religionsvorschriften unvermeidlichsei. Überhaupt habe, nach ihrer Ansicht, Gott dazu dem Menschenden freien Willen geschenkt, damit er sein Wohlergehen selbst begründe,er sei eigener Herr seines Geschickes, und Gott mische sich gar nichtin menschliche Angelegenheiten ein. Von dem Tun und Lassen desMenschen allein hänge sein Wohl oder Wehe ab, und es sei töricht,die Hände in den Schoß zu legen und von der Dazwischenkunft Gottesdie Wendung der Verhältnisse für den einzelnen wie für den Staatzu erwarten. Lohn und Strafe für gerechte und ungerechte Handlungs-weise folgen aus den Taten, und mau brauche dazu nicht eine Auf-