86
Geschichte der Juden.
gegen weltlichen Besitz und weltliche Ehren, stunden sie nicht an, ihrerÜberzeugung gern ihr Vermögen und selbst ihr Leben zum Opfer zubringen, ohne daß sie das Leben oder die Freuden verachteten. Inder Handhabung der peinlichen Gesetze ließen sie als Richter Mildevorwalten und beurteilten die Angeklagten nicht vom Gesichtspunktsittlicher Verdorbenheit, sondern nach dem menschlicher Schwäche. Sostellte einer der Führer der pharisäischen Partei, Josua b. Perachja,welcher mit seinem Genossen Matthai (Nithai) aus Arbela wohl inHyrkans Zeit lebte, den Denkspruch auf: „Mache dir einen Lehrer,
erwirb dir einen Genossen und beurteile jeden Menschen nach der Seiteder Unschuld" i). Dieser Spruch bekundet seine hohe sittliche Gesinnung.Er übertrieb aber die Gesetze levitischer Reinheit2). Wegen ihrerGesetzesstrcnge auf der einen Seite und ihrer Milde auf der anderenhing das ganze Volk dieser Partei mit tiefer Verehrung an, stets bereit,sich ihren Aussprüchen zu unterwerfen, sie zu verteidigen und ihreSache zu der seinigen zu machen. Diese Partei bestand ans den frommenPriestern, den gesetzeskundigen Manu rn und überhaupt den religiösen,richterlichen und weltlichen Behörden, welche in dieser Zeit in einszusammenfielen. Die ganze innere Verwaltung des Staates und Tempelswar in ihren Händen.
Doch den größten Einfluß hatten die Pharisäer wegen ihrer tiefenGesetzeskunde und deren Anwendung auf das Leben, und sie alleinführten den Namen Schriftkundige (Kopirsrim, und
Gesetzeslehrer (,-ozroö-öacrxa/or). Die entehrenden Namen, wie Augen-verdreher und Heuchler, welche ihnen in späterer Zeit ihre Feinde bei-gelegt haben, verdienten sie keineswegs; sonst wäre weder das Volkihnen so anhänglich gewesen, noch hätten die späteren Herrscher ihnendie einflußreichsten Ämter anvertraut, wie es denn überhaupt ungereimtist, eine ganze Menschenklasse aus lauter Heuchlern bestehen zu lassen.Wenn einzelne aus ihrer Mitte in späterer Zeit entartet waren undäußerliche Frömmigkeit aus Eigennutz oder Scheinheiligkeit übten, sotrifft diese Entartung die ganze Partei um so weniger, als sie selbstsich mit Entrüstung über die Heuchelei einiger ihrer Glieder aus-gesprochen und sie „die Plage der Pharisäer" genannt haben. Man
*) ^bot I, 6. Da Josua b. Perachja und Matthai aus Arbela vor Simonb. Schetach und Juda b. Tabbat aufgeführt werden, und diese zur Zeit Alexan-der Jannats gelebt haben, so müssen jene Hyrkanos' Zeitgenossen gewesen sein.Im Jerusalemischen Talmud lautet der Name: 'min statt mrm
2 ) Noselta Uaelisebii in III, 4 . p-wv N22 kann nicht bedeuten wegen
„des Pumpwerkes", weil Weizen nicht begossen wurde, sondern gleich «v-r-.i«,wegen des nassen, feuchten Schiffsraumes, worin der Weizen gelegtwerden mußte unv exportiert wurde.