Die griechische Übersetzung der heiligen Schrift. 41
ob von Judäern oder Christen, einen neuen Zusatz von Wunderhaftigkeit.Man fügte hinzu, der König habe jeden der zwei und siebenzig Über-setzer in ein besonderes Gemach einschließen und jede Verabredunguntereinander verhindern lassen; dennoch seien die Übersetzungen der-selben bis auf Wort und Silbe so einstimmig ausgefallen, daß derKönig und alle Anwesenden nicht umhin gekonnt hätten, das Werk alsei» von der Gottheit begünstigtes anznerkennen *). Alle diese Zügegehören aber durchaus der Sage an.
War einmal der Anfang gemacht, so konnte es nicht fehlen, daßder Eifer, die Schriftdenkmäler des Judentums für griechische Leserzugänglich zu machen, sich regte, und so wurden nach und nach auchdie Geschichtsbücher in griechisches Sprachgewand gehüllt. Die Poetischenund prophetischen Schriften sind wohl keineswegs zugleich mit demPentateuch und den Geschichtsbüchern übersetzt worden, weil sie einedoppelte Schwierigkeit darboten. Das hebräische Original war nichtleicht verständlich, und die griechische Sprache, die einen ganz andernGeist und Satzban hat als die hebräische, war nicht geeignet, denGedankeugang und die dichterischen Redewendungen jener Schriftenwiederzugebcn. Es gehörten dazu außerordentliche Sprachkenntnisseund Gewandtheit, welche die Judäer in Ägypten damals noch nichtbesessen haben können. Diese Bücher sind gewiß erst ein Jahrhundertspäter verdolmetscht worden.
Die Verdolmetschung des pentateuchischen Gesetzbuches in diegriechische Sprache schuf in der Mitte der ägyptischen Gemeinden eineneue Kunstgattung, die Kanzelberedsamkcit. War es vielleicht in JudäaSitte, bei den Vorlesungen ans der Thora die Abschnitte in die dortübliche Volkssprache (die chaldäische oder aramäische) für Unkundigenicht bloß zu übersetzen, sondern auch zu erklären, und ist dieser Brauchauch in die Bethäuser der ägyptischen Judäer eingeführt Worden?Oder ist er lediglich bei diesen aufgekommen, weil die hebräische Spracheihnen am meisten fremd geworden war? Gleichviel, ob Nachahmungoder selbständige Einrichtung, diese Sitte, dunkle oder minder faßlicheVerse aus dem Verlesenen für die Zuhörer zu übersetzen und zuerläutern, bildete eine neue Form aus. Die Übersetzer, unterstützt vondem, dem griechischen Wesen entlehnten Rededrang, blieben nicht beimGegebenen, sondern spannen es weiter aus, pflegten Betrachtungendaran zu knüpfen, Nutzanwendungen für Lagen in der Gegenwartdavon zu machen, Ermahnungen anzubringcn. So entstand aus der
üustinas Harter, Lobortatio aä Oraseos, c. t3. Usg'iUa 9 a.