Onias IV.
29
gegen den Älteren auf und suchte auch die Bevölkerung ihm abwendigzu machen. So kam es zum zweiten Male zu einem Bruche zwischenden Brüdern und zum Kriege. Philometor wagte Rom zu trotzen, dasfür Physkon Partei nahm; aber es gebrach ihm an Kriegern, da diealexandrinisch-griechische Bevölkerung unter allen Lastern des griechischenWesens Wankelmut und Unzuverlässigkeit in einem hohen Grade besaß;noch mehr gebrach es Philometor an tüchtigen Kriegsführern. In dieserNotlage betraute er die judäischen Einwanderer Onias und Dositheos,die sich Wohl schon früher bewährt hatten, mit der Kriegführung gegenseinen Bruder. Die judüische Bevölkerung Ägyptens stand ohne Zweifelwie ein Mann Philometor bei. Durch die Geschicklichkeit der beidenjudäischen Feldherren gelang es Philometor, seinen Bruder so sehr zuschwächen, daß er ihn für immer hätte unschädlich machen können. Ausangeborener Güte und zum Teil aus Rücksicht ans Rom ließ er ihmdas Königreich Kyrene und gewährte ihm noch andere Vorteile Z.Onias und Dositheos standen seit der Zeit (l53) in hoher Gunst beiPhilometor und blieben die Anführer seines ganzen Heeres ^).
Selbstverständlich sammelten sich die Jndäer Alexandriens undwohl auch die Ägyptens unter Onias, sobald er den Entschluß kund-gegeben hatte, unter ihnen zu weilen, und in den Dienst des Königsgetreten war. Stammte er doch aus der angesehensten Familie, ausdem Hause des Hohenpriesters, und mag auch sonst Verdienste undanziehende Eigenschaften gehabt haben. In Streitfällen haben sie ohneZweifel ihn zum Schiedsrichter erkoren, bei Unbilden, die einem vonihnen widerfuhren, riefen sie seinen Schutz an, und er war imstande,durch sein Ansehen bei Hofe sie abzuwenden. Bei religiösen undsittlichen Fragen war Onias als hoherpriestcrlicher Abkömmling undals Schriftkundiger ohnehin ihr Gewissensrat und Leiter. Durcheigene Gesetze und Lebensweise von den einheimischen und griechischenMitbewohnern getrennt, mußten es die Jndäer als eine Wohltatempfinden, einen Mann an der Spitze zu haben, der Autorität genugbesaß, sie zusammenzuhalten und zu Gliedern eines eigenen Gemein-wesens zu vereinigen. Onias wurde solchergestalt als Oberhaupt oderStammesfürst (Ethnarch, Genarch) der Jndäer anerkannt, gleichvielob seine Stammesgenossen ihn dazu erkoren und der König Philometorihn aus Erkenntlichkeit bestätigt, oder ob dieser aus freien Stückenihm diese Würde übertragen hat.
h Diodor Uxesriwa 31, 18. Dieser Krieg kann nur stattgesunden haben,nachdem Physkon unter dem Konsulat des Opimius und Albinus — 1S4 An-klagen gegen seinen Bruder erhoben und beim Senat Gehör gefunden hatte.S. Llillton, lkasti Ilellenlei, III, 94 und 387. Jossphus gegen Apion II, 5.