In dieses Geheimniß hat er seine Ansicht gehüllt, daß nicht der ganzePentateuch von Mose stammen könne, weil auch in den übrigen Büchern außerdem Deuteronomium Mose von sich in der dritten Person gesprochen, weil u. a.ferner die noch dauernde Anwesenheit der Kanaaniter in Palästina darin voraus-gesetzt und auf den Berg Morija, den Tempelplatz, angespielt werde. Diesekritische Andeutung Jbn-Esra's diente bekanntlich Spinoza zum Ausgangspunktefeiner Annahme, daß Esra der Verfasser des Deuteronomium und ebenso derübrigen vier Bücher gewesen sei. Er habe zuerst das Erstere geschrieben unddann die übrigen Bücher daran angereiht, sei aber durch den Tod verhindertgewesen, sie abzurundsn, und daher stamme das Lückenhafte und Unzusammen-hängende in der Diction des Tetrateuch. Spinoza war ein Originaldenker ersterGröße in der Philosophie, aber von Geschichte und litterarischer Kritik verstander eben so wenig, wie seine Zeit, noch weniger als Richard Simon, Obwohldiese Hypothese den Stempel der Absurdität an sich trägt und gar nicht den Namender Kritik verdient und gegenwärtig nur noch von den Marodeuren der alt-testamentlichen Exegese festgehalten wird, so hat sie doch zu ihrer Zeit viel An-klang gefunden. Ein Unberufener, der ihr entgegentreten und die Geschichtlichkeitder Genesis retten wollte, hat es nur noch schlimmer gemacht. Der ArztJean Astrüc (st. 1766), um die scheinbaren Widersprüche und Wiederholungenin der Geschichte der Genesis bis zum Beginne des Exodus zu rechtfeitigen,von dem zweifachen Gebrauch der Gottesnamen ovnbu und ',n in derselben aus-gehend, nahm zwei Haupturkunden über die vormosaische Geschichte an, die,man weiß nicht recht wie, zusammengeslossen seien. Die anonym erschieneneSchrift ist betitelt: Oonjsoturss sur Iss msmoirss oriZ'iuanx, ckcmt il paroit.gns Äoz-ss s'est servi pour eompossr Iss livres cks Osusss (UruxsIIss 17ö3).Dis eine Urkunde (.4) erzähle die Geschichte stets mit dem Gottesnamen Lloüimund die andere (6) dieselbe Geschichte, nur hin und wieder modificirt, mit demGottesnamen Id vvü, Außerdem nahm Astrüc noch mehrere kleinere Urkundenan, die in die Genesis verwebt sein sollen. So Genesis o, 14 die Geschichtevon Kedarlaomer, von Lot und Abraham; 19, 29 — 38 die Geschichte von Lotund seinen zwei Töchtern; 22, 20—24 die Descendenz Nachors; 2ö, 12—18 dieNachkommen Jsmasls und noch einige kleinere Partieen, In der Geschichte derSündfluth sollen drei Quellen zusammengeslossen sein. 7, 19 gehöre der Ur-kunde an, V. 20 einer Urkunde 0, V. 21 der Urkunde IZ, V. 22 wiederum L,V, 23 wiederum 6 und V. 24 soll gleichlautend in allen drei Urkunden ge-standen haben.
Diese Astrüc'sche Hypothese fand rauschenden Beifall bei den rationalistischenExegeten und beherrschte die Exegese in protestantischen Kreisen so tyrannisch,Laß sich ihr selbst spiritualistisch-gläubige Ausleger nicht entziehen konnten,Astrüc hatte Takt genug, die Unterscheidung von Elohistischen und JhwistischenUrkunden auf die Genesis und die ersten Kapitel des Exodus zu beschränken,weil hier der Wechsel der Gottesnamen in die Augen springt. Die nachfolgendenExegeten dagegen haben diese Hypothese auch auf die übrigen drei pentateuchischenBücher angewendet, und einige haben den Namenwechsel als ein so unfehlbaresKriterium angenommen, daß sie auch in den Psalmen elohistische und jhwistischePartieen unterschieden. Da sich indessen dieses Kriterium als unzulänglich erwies,um durchweg zweierlei Urkunden im Tetrateuch (denn das Deuteronomium wurdevon den meisten davon ausgenommen), fixiren zu können, so verlegten sich dieAnhänger dieser Hypothese darauf, Hilfskriterien zu suchen, glaubten in Styl-eigenheiten und Sprachgebrauch eine Verschiedenheit der Verfasser zu erkennen