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Geschichte der Juden.
und reizten die Propheten zur Entgegnung. Trotz seiner räumlichenWinzigkeit und seiner politischen Abhängigkeit hätte sich also dasjudäische Gemeinwesen vermöge seiner inneren Kraft behaupten undBestand haben können, wenn nicht in seiner Bevölkerung eine Zersetzungvor sich gegangen wäre, die bevorzugte Klasse nicht zu anspruchsvollund unruhig gewesen wäre und die Kraft des Ländchens nicht über-schätzt hätte.
Sobald ein Volk zur Stufe gelangt ist, die Dinge und Vorgängenicht mehr mit unsicherem Tastgefühl, sondern mit geschärften Sinnenzu beurtheilen, und sobald die bereicherte Erfahrung und die höhereErkenntniß seinen Blick über die Spanne der Gegenwart hinaus er-weitert haben, geht innerhalb desselben eine Scheidung vor sich, ineinen gebildeten Stand und eine rohe Volksmasse. Diese haben nurSprache und Gewohnheiten gemeinsam, allenfalls auch das Nationali-tätsgefühl gemeinsamer Abstammung, Zusammengehörigkeit und Erinne-rungen, wenn dieses auch in der Masse nur nebelhaft und dunkeldämmert. In Gedankengang, Anschauung und Willensrichtung dagegengehen die zwei Klassen so auseinander, als wenn sie verschiedenenVolksstämmen angehörten. So war es auch im judäischen Reiche.Die gebildete Volksklasse, welche in der Hauptstadt vertreten war,war durch die politischen und geistigen Vorgänge geweckt und gewitzigtund der Bevölkerung weit überlegen, welche zumeist in den Dörfernund kleineren Städten ihr Leben zubrachte, sich Jahr aus, Jahrein mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigte und daher unwissend undeinfältig blieb r). Die hauptstädtische gebildete Volksklasse litt aberan Ueberfeinerung und Vorwitz st. Mit einem stolzen Hochgefühl pochtesie auf ihre Weisheit und glaubte der Belehrung entrathen zu können.„Wir sind selbst weise", sprachen sie, „und Gottes Lehre ist bei uns" st.Diesen mußte der Prophet Jeremia zurufen, um das Pochen auf ihreUnfehlbarkeit zu dämpfen: „Es rühme sich der Weise nicht seinerWeisheit, der Tapfere nicht seiner Tapferkeit, der Reiche nicht seinesReichthums" st. Es scheint selbst in Folge des Abstandes eine ArtFeindseligkeit der Landbevölkerung gegen die Bewohner der Hauptstadtgeherrscht zu Habens, weil diese mit Stolz auf jene herabblickten undsie ihre Ueberlegenheit empfinden ließ. Die alte Antipathie zwischenJuda und Benjamin regte sich wieder unter einer andern Form.
st Jeremia 5, 4—5.st Das. 4, 22; 8, 8-9.st Das. 8, 8 fg.st Das. 9, 22.
st Folgt aus Zacharia 12, 2. 7; 14, 12.