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Geschichte der Juden.
Solchergestalt war Jeremia's Weihe zum Propheten, und ertheilte sie Andern mit, entweder in Anatoth oder in Jerusalem. DieDarstellung dieser seiner Berufung hält zwar keinen Vergleich aus mitder einfachen Erhabenheit und Tiefe, mit der sich Jesaia zuerst alsProphet bewährte (o. S. 110), und seine rednerische Begabung überhauptnicht mit der künstlerischen Beredsamkeit des Sohnes Amoz'. Aber wasihr an Schönheit und Schwung abgeht, das ersetzt sie durch Gemein-verständlichkeit und Bestimmtheit. Die Zeit erforderte eine andere ArtBeredtsamkeit, als früher. Die sittlichen Schäden waren tief in dasVolksleben eingedrungen, und es war Gefahr im Verzüge, wenn nichtschnelle Heilung versucht wurde. Jeremia sprach auch nicht mehr wiedie früheren Propheten zu einem gebildeten, kleinen Kreise, sondernzu einer großen Volksmenge, zu den Fürsten, zu den BewohnernJerusalems und dem Volke Juda. Für solche waren künstlerischeFeinheiten der Rede übel angebracht, deutlich und faßlich mußte gesprochenwerden, damit die Rede wirken sollte, und so sprach Jeremia meistensin schlichter Prosa, nur hin und wieder flocht er rednerische Blumen ein.Noch eine andere Eigenthümlichkeit zeichnete Jeremia's prophetischeReden aus. Die meisten Propheten der früheren Zeit verkündetenim Halbdunkel von einer entfernten Zukunft, Prophezeiten einen„fürchterlichen Tag des Herrn", welcher eine völlige Umwälzung herbei-führen werde, und darauf werde eine ideale Zeit für Israel anbrechen.Die Strafandrohungen und die Heilsverkündigungen der alten Prophetenmit alleiniger Ausnahme Jesaia's waren zumeist unbestimmt gehalten.Dadurch hatte die zu Spott geneigte Bevölkerung Jerusalems dieprophetische Unheilsverküudigung in den Wind geschlagen. „Die Tagewerden sich hinziehen und die Prophezeiungen werden sich nicht erfüllen"sprach sie, oder „sie prophezeien für entlegene Tage und entfernteZeiten" i). Dieser spöttischen Gleichgültigkeit gegen die prophetischeVerkündigung sollte Jeremia entgegenarbeiten. Er sollte das Strafgerichtüber Juda und Jerusalem für die nächste Zukunft vor Augen führen,es sollte sich noch zu seiner Zeit vollziehen. Mehr als seine sämmtlichenVorgänger, selbst als Jesaia, war Jeremia mit einer unwiderlegbarwunderbaren prophetischen Vorschau begabt. Er verkündete zuerst vonJahr zu Jahr, später, als das tragische Verhängniß näher rückte, vonMonat zu Monat die Ereignisse im Voraus, und seine Vorschauerfüllte sich mit staunenswerther Bewährung. Nicht in zweideutigenTraumgesichtern erblickte er die Zukunft, sondern am lichten Tage,mit wachen Sinnen und im Verkehr mit der Außenwelt. Darum sprach
') Bergt. Ezechiel 12, 22. 25. 27—28.