Chiskijas Charakter und schwankende Politik. 207
Indessen allzulange ließen die Hofleute dem König nicht dieSelbstständigkeit der Regierung, um im Sinne der alten Lehre zureorganisiren oder in ihren Augen Neuerungen einzuführeu. Nachund nach scheint sie ihm der Palastaufseher Schebna aus den Händengewunden zu haben. Chiskija war ein Dichter, eine ideale Natur,weich und nachgiebig, von geringer Willensfestigkeit. Menschen vonsolcher Gemüthsrichtung sind leicht lenksam, und selbst Könige Pflegensich einem Willensstärken unterzuordnen. Salmanassar's Feldzug gegenTyrus und Samaria (o. S. 197), welcher in die ersten Regierungs-jahre Chiskija's fiel, erregte selbstverständlich Besorgniß und Furchtin Jerusalem und am Hofe. Es galt, einen festen Entschluß zu fassenund Partei zu nehmen, entweder sich den Verbündeten anzuschließenoder dem assyrischen Großkönig Bürgschaft der Basallentreue zu geben.Chiskija mag vermöge seines Charakters und seiner Gesinnung schwan-kend gewesen sein. Sollte er den Bruderstamm, welcher sich währendder dreijährigen Belagerung Samaria's verblutete und, wenn besiegt,einem düstern Geschicke entgegensah, sollte er ihn verlassen, oder ihmbeistehen? Und auf der andern Seite, sollte er den Zorn des mäch-tigen Großkönigs erregen? Chiskija war vielleicht froh, daß Schebnaund seine Minister ihm die Wahl und Entscheidung abnahmen. InFolge dieser Zwiespältigkeit in der höchsten Spitze des Landes —hier ein König mit den trefflichsten Gesinnungen ohne Thatkraft undMacht, und dort der höchste Beamte mit der Fülle der Macht be-kleidet, ohne Sinn für geistige Interessen und sie vielleicht gar alsLuftschlösser verspottend — in Folge dieser Zwiespältigkeit erscheintdie chiskijanische Regierungszeit voller Widersprüche. Gehobenheit undNiedrigkeit, sittlicher Aufschwung und sittliche Verderbniß, reines Gott-vertrauen und Buhlerei um fremde Hilfe, der König ein Abbild derGerechtigkeit und seine Hauptstadt voller Mörder ^). Selbst mit derVerbannung des Götzendienstes drang Chiskija nicht durch. DieGroßen behielten noch ihre silbernen und goldenen Götzen und ver-ehrten das Häudewerk von Menschen. In ihren Gärten behielten sieihre Astarten - Bildsäulen unter dickbelaubten Terebinthen, die sieeigens dazu eingepflanzt hatten -).
Diese Zwiespältigkeit, entstanden durch die Ohnmacht des Königsund den starken Eigenwillen des Palastaufsehers und der Fürsten,wirkte zum Nachtheil der öffentlichen Angelegenheiten nach Außen.Der politische Zustand aller Völkerschaften, welche zwischen Assyrienund Aegypten mitten inne lagen, war eine Nothlage; Gefahren drohten
y Jesaia 1, 21.
°) Das. 1, 28—29; 31, 7; Micha 5, 12—13.