Druckschrift 
3. Geschichte der Judäer von dem Tode Juda Makkabi's bis zum Untergange des judäischen Staates 2 (1906)
Entstehung
Seite
819
Einzelbild herunterladen
 

Note 28. Eine eigentümliche Volkszählung.

819

Syrer, vielleicht auch Babylonier gehörten. Wegen Gessius Florus, der dieHauptstadt und das Land mit unerhörter Grausamkeit peinigte, war CestiusGallus nach Jerusalem gekommen.

Bemerken wir noch, daß Josephus die Anwesenheit des Statthalters inJerusalem zur Paschazeit im Jahre der Revolution verzeichnet, also im Jahre 66,so erhalten wir dadurch ein vollständiges Situationsbild von den Vorgängenin Judäa, ehe die judäische Nation zu den Waffen griff, um sich entweder dieFreiheit zu erkämpfen oder endgültig unterzugehen.

Der Klazomenier Gessius Florus, eine Neros würdige Kreatur, der dieFreundin der Kaiserin Poppäa zur Frau hatte, tyrannisierte seit zwei Jahrendas judäische Volk und hatte einen solchen Schrecken um sich verbreitet, daßniemand wagte, Klagen gegen ihn, sei es beim Kaiser in Rom oder beim Le-gaten in Antiochien, anzubringen. Schon war dem Volke die Geduld aus-gegangen, wie Tacitus bemerkt: lluravit tarnen xatentia llnäaeis nsgusall liessinm Illornm proenratorsnr (Hist. V, 10). Im stillen bildete sicheine Revolutionspartei, die alles daran setzen wollte, sich des römischen Jocheszu entledigen. Der Nominalkönig Agrippa II. und die Römerfreunde, wozu auchdie regierenden Hohenpriesterfamilien gehörten, welche Kunde von der gährendenUnzufriedenheit im ganzen Lande und von dem Wunsche, mit Nom zu brechen,hatten, müssen Vorstellungen bei dem Legaten gemacht haben, Gessius Floruszu entfernen oder eines revolutionären Aufstandes gewärtig zu sein. CestiusGallus durfte sich aber nicht herausnehmen, den blutdürstigen Prokurator ohneweiteres abzusetzen, da dieser vom Kaiser selbst eingesetzt war und zu dessenLieblingen gehörte. Er scheint indessen Nero den Stand der Angelegenheitenin Judäa geschildert und dabei bemerkt zu haben, daß ein Aufstand in sichererAussicht stände, wenn Gessius Florus nicht abberufen würde. Der Kaiser aberverachtete das judäische Volk und achtete nicht auf die geschilderten Gefahren(lVe'^w,- rov LAimv?). Um seinen Vorstellungen Nachdruck zu geben,

verabredete er mit dem König Agrippa und den Hohenpriestern eine Volks-zählung, durch welche die Widerstandskraft des judäische» Volkes mit Zahlenkonstatiert werden sollte. Das nächste Paschafest sollte die Probe abgeben.Da es üblich war, daß das Oberhaupt des Synhedrions zur Paschazeit Rund-schreiben an die Gemeinden erließ, so wurde ohne Zweifel auch dieses Mal eineEnzyklika an die Gemeinden Judäas und der angrenzenden Länder gerichtetmit der Aufforderung, sich so zahlreich als möglich bei dem nächsten Paschafestezu beteiligen, weil die Rettung des Landes davon abhinge.

Diese Weisung wurde befolgt. Eine gewaltige Volksmenge traf in Jeru-selem ein, 25060V (oder 270 000) Paschalämmer wurden an diesem Paschafestedes Jahres 66 geopfert, was die Zahl von mindestens 2 500000 oder 2 70000 Be-teiligten ergab. Cestius Gallus war zu diesem Zwecke selbst in Jerusalem ein-getroffen. Es war das Pascha der Erdrückung, weil bei der großen Menge,die der Tempelberg kaum fassen konnte, Erdrückungen unvermeidlich waren.Diese 2 700 000 oder drei Millionen Menschen in runder Zahl, die Josephusaufstellt, umstanden ihn und flehten ihn au, sie von Gessius Florus zu be-freien. Das war eine gewaltige Volksdemonstration. Cestius Gallus durfteaber dennoch nicht die Amtsentsetzung des Prokurators vornehmen. Er wolltenur mit der statistischen Erfahrung, die er in Jerusalem bei dieser Gelegenheit ge-sammelt hatte, den Kaiser von der Notwendigkeit, Gessius Florus abzuberufen, über-zeugen. Diese Absicht behielt er für sich. Das Volk aber tröstete er für den Augenblickmit der Versicherung, er werde sich bemühen, den Prokurator milder zu stimmen.

52 «