757
Note 20. Die Abfassungszeit der Evangelien.
Matthäus (x«r«1>ko-r0«7ov>? Wie lange nach Jesu Tode ist es verfaßt worden?Es sind darin nicht bloß Spuren und Andeutungen, sondern Tatsachen genugenthalten, welche darauf führen, daß es erst ein Jahrhundert nach Jesu Todeverfaßt wurde,
1. Das Matthäus-Evangelium läßt Jesus einen Fluch über die Pharisäer
aussprechen, weil sie Prophetenmörder wären: „daß über euch komme allesBlut, welches auf Erden vergossen worden, von dem Blute Abels bis zumBlute des Zacharia, des Sohnes Berachias, den ihr zwischen dem Altarund dem Innern des Tempels ermordet habt (23, 35)." Altere und neuereErklärer erblicken mit Recht in diesem Faktum das, was Josephus erzählt<j. Kr. IV, 5, I), daß die Zeloten einen biederen und reichen Mann Zacharia,Sohn Baruchs, wegen unpatriotischer Gesinnung angeklagt haben, und daßzwei Fanatiker ihn, obwohl er vom Synhedrion sreigesprochen war, mittenim Tempel (7v r« erschlagen und seine Leiche vom Tempel in den
Abgrund geschleudert haben. Der Name und der Ort des Mordes stimmen inbeiden Erzählungen zu auffallend, als daß an der Identität des Faktums nochder geringste Zweifel bestehen könnte. Dieses Faktum ereignete sich im Winter67-68 nach Ehr,, d, h, mehr als 30 Jahre nach seinem Tode. Und doch wirdihm die Anspielung darauf mit allen Umstände» in den Mund gelegt und einFluch daran geknüpft, daß das von zwei Fanatikern vergossene Blut über diePharisäer, über Jerusalem, ja über das ganze Volk kommen soll! Zu bemerkenist, daß Markus diesen Passus nicht hat, wohl aber Lukas (ll, 5l), was alsomöglicherweise ein späteres Einschiebsel ist sEs scheint doch wohl an die Szeneaus II. Ehr, 21, 20 ff. zu denken zu sein. Die Verwechselung der Vaternamenfindet sich auch im Targum zu Klag 2, 20s.
2. Es läßt die Pharisäer und Herodianer an Jesus herantreten mit derFrage, ob es erlaubt ist, dem Kaiser die Abgabe (Lisvno?) zu geben, und ihn,hinweisend auf das Bild des Kaisers, welches auf der Münze, einem Denar,geprägt ist, antworten: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist" (22, 16—21).Unter dem Kensos (aensus) kann nicht irgend eine Staats- oder Personalsteuerverstanden werden; denn für eine solche genügte nicht ein Denar, sie war vielmehrnach Vermögen klassifiziert. Auch wäre die Frage unverständlich, ob es erlaubtsei, sie zu geben (kk>or- 0oö,-»r). Die römischen Einnehmer haben sich wenigum das Erlaubtsein oder Nichlerlaubtsein gekümmert; wo Geld vorhandenwar, haben sie die Steuer eingetrieben. Aber eine einzige Steuer oder Abgabehat dcu frommen Juden Gewissensikrupel gemacht, nämlich die doppelte Drachmeoder der Denar, welchen Vespasia» allen Juden unter dem Namen Ilsens.jnclaiens aufgelegt hat. Die Abgabe, welche früher jeder als heilige Gabe anden Tempel lieferte und nun für Inpitsr Eapitolinus geleistet werden sollte,siel schwer auf das Gewissen und bestimmte manche, sich ihr durch Mittel undVorwände zu entziehen, so geringfügig sie auch war. Jeder gewissenhafteJude mußte sich also fragen, ob es gestattet sei, das Didrachmon, das docheigentlich eine Spende für das Götzentum war, zu leisten. Tiefe Frage wirdnun im Evangelium Jesu vorgelcgt, und zwar von Pharisäern im Beiseinvon Herodianern, d. h. von Römlingen. Sie wollten Jesus damit inVerlegenheit bringen oder ihm eine Falle stellen (L.-rm? »i'-ch»
Sagte er ja, so konnten ihn die frommen Juden beschuldigen, daß er rächtgewissenhaft sei, Rücksicht auf Menschen nehme und Menschenfurcht zeige.Sagte er nein, so würden ihn die Herodianer anklagen, daß er dem Kaiserungehorsam sei. So zeichnet sich die in den Evangelien gegebene Situation