720
Geschichte der Juden.
Schriften angeordnet wurde, auch darüber verhandelt wurde, den hagio»grapischen Kanon festzustellen. Gewiß war die damalige Behörde über diemeisten hagiographischen Schriften, die den Charakter des Heiligen verdienen,also vor Profanierung geschützt werden sollten, nicht zweifelhaft. Die meistenstammten aus aller Zeit oder trugen an der Spitze den Namen autoritativerVerfasser. So galten die Psalmen als von David stammend, die Sprüche alsvon Salomo verfaßt, die Klagelieder als von Jeremia, Ruth als aus der Zeit derRichter, das Dreibuch Chronik, Esra und Nehemia als von den letzteren her-stammend. Auch Hiob war nicht zweifelhaft. Zweifelhaft war nur noch, ob auchdas Hohelied und Kohelet diesen Charakter verdienen. Diese Frage blieb offenund wurde erst später zum Austrage gebracht (vgl. Graetz a. a. O.).
Das Ergebnis, daß der hagiographische Kanon erst in der Zeit nachHerodes' Tode fixiert worden ist, hat eine besondere Wichtigkeit sür die Schluß-redaklion des Psalters. Sobald bestimmt wurde, daß dieses Buch verunreinigendwirke, muß es doch als ein Ganzes abgeschlossen Vorgelegen oder damals ab-geschlossen worden sei». Denn so sehr auch die sachliche und chronologische Ord-nungslosigkeit in der Reihenfolge der Psalmen, bei der nicht die geringste Rück-sicht genommen wurde, ältere Psalmen neben jüngere und solche, die keinerleiZusammenhang haben, aneinander zu reihen, unverkennbar ist, so zwingen dochzwei Momente zu der Annahme, daß eme Redaktion stattgefnnden hat.
Psalm 1 an der Spitze ist gewiß jüngeren Datums und hat keine gedank-liche Verbindung mit Psalm 2. Sie sind aber nichtsdestoweniger nicht bloß an-einander gereiht, sondern auch zusammen als ein einheitlicher Psalm angesehenworden (vgl. Graetz, Psalmenkommentar, S. 10 N.). Wie kam die Behörde oderkamen die Redaktoren dazu, sie zusammen zu koppeln? Nnn, Psalm 1 prägt dieWichtigkeit der Thora ein, und 2 wurde messianisch gedeutet. Die Redaktorenhaben demnach mit Absicht zwei Psalmen oder einen einzigen an die Spitze ge-stellt, um das Alpha und Omega des Judentums auszudrücken, den Gedankenan die Thora und die Hoffnung auf den Messias. Die 7 Psalmen,welche an je einem Tage in der Woche im Tempel gesungen zu werden pflegten(27, 78, 81, 82, 92, 9!i, 97), hatten ursprünglich die Ausschrift für die Tages-bestimmung. Im griechischen Texte haben 5 derselben noch die Tagesaufschrift,im Hebräischen ist nur noch die für den Sabbatpsalm geblieben (vergl. Kom-mentar S. öS). Da die Aufschriften nicht zum Psalm gehören, so können sienur später bei der redaktionellen Sammlung hinzugefügt worden sein. Nunerscheint die Auswahl dieser Tagespsalmen sonderbar; die meisten derselbensind nicht hymnisch, was doch für den Kultus im Tempel erforderlich wäre.Vielmehr ist Ps. 97 geradezu ein Klagepsalm über Vergewaltigung; Ps. 82hat zum Inhalte eine direkte scharfe Rüge gegen unwürdige Richter. Selbstder Sabbatpsalm 92 enthält eine stille Klage über glückliche Frevler, gibt aberdie Beruhigung, daß ihr Glück incht von Dauer sein werde. Eine Analogiegibt das Motiv für diese ausfallende Auswahl. In den Zwischentagen desHüttenfestes sind Verse aus dem Klagcpsalm 94 für den Kultus gesungenworden, weil sie auf Vergewaltigung von seiten der Fremdherrschaft anspielen(beiläufig auch Verse aus andern Psalmen, welche Rügen gegen Frevler ent-halten aus Psalm 50 und 82). Vergl. d. Lukka 55a und Raschis Erklärung dazu.
Eine lange anhaltende Vergewaltigung hat die Nation — in deren Namendie Psalmen klagen — nur von den Römern erlitten, zumal als nach Hercdes'Tode die Landpfleger das Volk bedrückten und Römlinge sie unterstützten.Folglich sind der Klagepsalm 94 und die anderen Rügepsalmen direkt wegen