538
Geschichte der Juden.
Indessen schritt der Würgengel der Hungersnot durch die Be-völkerung Jerusalems, sog mit Gier alle Lebenssäfte aus, hob dieSchranken zwischen Armut und Reichtum auf und entfesselte dieniedrigsten Leidenschaften. Das Geld hatte seinen Wert verloren, dennman konnte kein Brot dafür kaufen. Um ein wenig Stroh, um Leder-stücke und noch häßlichere Dinge stritten sich die Ausgehungerten, nmsie einander zu entreißen. Die reiche Martha, Gemahlin des Hohen-priesters Josua ben Gamala, die einst auf Teppichen von ihrem Hausebis zum Tempel gewandelt sein soll, suchte gleich den Ärmsten in denStraßen nach ekelhaften Speisen, nm den nagenden Hunger ans einenAugenblick zu stillen. Als sollte kein Zug in dem Schaucrgemäldeder Strafandrohung des großen Propheten unerfüllt bleiben, fiel eineEntsetzen erregende Szene vor, die selbst den Feind mit Schauder erfüllte.Eine Frau Mirjam, welche sich aus Peräa nach der Hauptstadt ge-flüchtet hatte, schlachtete ihr junges Kind und verzehrte sein Fleischfl.Die aufgehänften Leichen, die in der heißen Jahreszeit schnell inFäulnis übergingen, verbreiteten einen üblen Geruch und erzeugtenSeuchen, die mit dem Kriege und dem Hunger um die Wette die Be-völkerung hinrafften. Die Krieger aber ertrugen alle diese Beschwerdenmit ungebrochenem Mute, sie stürmten zum Kampfplatze mit leeremMagen, umgeben von den düstersten Bildern des Todes, mit demselbenUngestüm, wie am ersten Tage der Belagerung. Von diesem todes-verachtenden, unerschütterlichen Heldenmut der Zeloten und ihrer Hin-gebung an das Heiligtum und die Sache ihres Volkes waren selbstdie Römer betroffen. Da sie täglich wahrnahmen, daß die judäischenKrieger trotz des nagenden Hungers immer mit frischem Mute in denKampf gingen, so hielten sie sie für unüberwindlich und ihre Seelen-stärke im Unglück für unverwüstlich. Einzelne Römer verließen ihreFahnen und ihren Glauben und gingen zum Judeutume über. Auchsie waren fest überzeugt, daß die heilige Stadt nicht in die Gewaltihrer Feinde geraten könne. Die Bewohner Jerusalems waren aufdiese aufrichtige Bekehrung einiger Römer in der Stunde der höchstenGefahr so stolz, daß sie für sie auch in der Hungersnot sorgten, damitsie nicht zu darben brauchten^.
fl Jüd. Kr. VI, 3, 3—4. Vergl. 6ittiu 56 a. Uiäraaob Hirsni 67 o, 68 b.
Josephus das. VI, I, 2 erwähnt ebenfalls etwas von der Bewunderungder Römer sür den Mut und die Seclenstärke der jndäischen Krieger, erzähltaber nichts von dem Überlaufen der Römer zu den judäischen Fahnen.