Druckschrift 
3. Geschichte der Judäer von dem Tode Juda Makkabi's bis zum Untergange des judäischen Staates 2 (1906)
Entstehung
Seite
435
Einzelbild herunterladen
 

Die Landpfleger.

435

obwohl er bei dem Kaiserhause in großer Gunst stand. Er stieg zuimmer höhern Würden auf, wurde später gar Statthalter von Ägyptenund übte einen bestimmenden Einfluß auf eine Kaiserwahl aus. Anseine Stelle wurde Cumanus als Landpfleger gesandt, doch soll ernur die Landesteile Judäa und Samaria zur Verwaltung gehabthaben, Galiläa soll Claudius dem Bruder seines Lieblings, des Frei-gelassenen Pallas, Schatzmeisters des Kaisers, Namens Felix, über-lassen haben, der von der Kaiserin Agrippina begünstigt wurde;Cumanus und Felix waren Todfeinde ^). Der Landpfleger Judäasstachelte zuerst die Volksempfindlichkeit auf. Bon tiefem Argwohngegen jede Versammlung im Tempel, der seit dem Aufstande wegendes Censns für die römischen Statthalter Tradition geworden war,erfüllt, stellte Cumanus am Passahfeste eine bewaffnete Kohorte in denSäulengängen des Tempels auf, um das zahlreich anwesende Volk zuüberwachen. Bei dieser Gelegenheit machte ein Soldat mit der denniederen römischen Soldaten eigenen Rücksichtslosigkeit eine unanständigeGeberde gegen das Heiligtum, welche das Volk als Beschimpfung desTempels und als Gotteslästerung auslegte. Die Judäer, von Eiferhingerissen, warfen Steine auf die Soldaten und beschimpften denLandpfleger, als wäre diese verächtliche Behandlung des Heiligtumsmit seinem Willen geschehen. Infolgedessen entstand ein Tumult undschien in einen Ausstand übergehen zu wollen. Cumanus ließ neueTruppen anrücken, die Burg Antonia besetzen und nahm eine drohendeHaltung a», welche die Menge auf dem Tempelberge so sehr inSchrecken setzte, daß jeder eilte, aus dem Bereiche des Angriffs zukommen. An den Ausgängen entstand ein so heftiges Gedränge, daßmehr als 10000 oder gar 20000 Menschen dabei erdrückt oder zer-treten worden sein sollen^).

Eine ähnliche Veranlassung hätte beinahe zu demselben Ausgangegeführt, wenn nicht Cumanus diesmal besonnen genug gewesen wäre,den Volkswillen zu befriedigen. Eine Bande Sicarier hatte nämlicheinen kaiserlichen Diener auf offener Straße unweit Bethoron über-fallen und beraubt. Dafür ließ Cumanus die Dörfer in der Nähedes Schauplatzes hart büßen, sie von seinen Soldaten Plündern undzerstören. In der Wut über den Angriff auf einen Römer zerrißein Soldat ein ihm in die Hände geratenes heiliges Gesetzbuch undwarf die Stücke ins Feuer. Neuer Stoff zur Aufregung des Volkesund neue Klagen über Verletzung der Heiligtümer. Massenhafte

Vergl. Note 19.

2) Josephus Altert. XX, 5, 3; jüd. Krieg II, 12, 1.