Falsche Messiasse,
433
Liebe um das geistige Gut des Judeutums. Die Lehre zu erhalten,war ihnen die höchste Lebensaufgabe. Als Repräsentant derselbenkann R. Jochanan ben Sakka'i gelten. Er war, nächst dem Syn-hedrialpräsidenten Simon ben Gamaliel von Hillelschem Geschlechte,und wohl noch mehr als dieser, der angesehenste Gesetzeslehrer dieserZeit; Hillel selbst, dessen jüngster Schüler er keineswegs war, sollihn den „Vater der Weisheit und den Träger der Zukunft" genannthaben. Infolge seiner tiefen Gesetzeskunde und seiner Würdigkeit warR. Jochanan ben Sakka'i Stellvertreter des Präsidenten. In dieserStellung schaffte er diejenigen Gesetze ab, die in der stnrmbewegtenZeit nicht mehr anwendbar waren. Seine Hauptbeschäftigung warindessen die Lehrtätigkeit. In dem Schatten der Tempelmanern saßer im Kreise seiner Jünger und überlieferte ihnen die überkommenenGesetze und die Auslegung der Schrift ^).
Zu den Übeln der Anarchie kam noch ein anderes hinzu, welches,an sich zwar unschuldiger Art, Blutvergießen und Jammer aber nochgesteigert hat. Je hoffnungsloser der Zustand war, um so mehr regtesich in den Herzen der Gläubigen die Sehnsucht nach dem erwartetenBefreier und Friedensbringer. Mehr noch als zur Zeit der erstenLandpfleger durchzuckten messianische Hoffnungen die Gemüter und er-weckten Schwärmer, die sich als Propheten und Messiasse ausgabenund beim Volke Glauben fanden"). Alle diese Schwärmer stellten dieBefreiung vom römischen Joche als letztes Ziel ihrer Unternehmungenhin, müssen daher ebenfalls als Zeloten angesehen werden und unter-schieden sich von jenen handfesten Eiferern nur durch die Mittel. Wasdie Anhänger Judas mit Waffengewalt dnrchzusetzeu gedachten, daswollten die Nachfolger des Theudas ohne Kampf, durch Zeichen undWunder vollbringen^). Sie waren keine Betrüger, sondern glaubtenselbst fest an ihre Sendung, das Werk der Befreiung zu vollziehen;nur der unglückliche Ausgang ihrer Unternehmungen stempelte sie zufalschen Messiaffen und trug ihnen den Namen Zauberer ,<-»>-»),
ein. Als ein solcher Messias trat Simon aus Cypern auf^).
Ein Judäer aus Ägypten, der sich als Prophet ausgab, fandebenfalls Gläubige (an 3000, nach einer andern Quelle gar 4000),
i) Usssaebim 26 a. Isrus. Xsäarim 6, 6, x. 39 b. Diese Stelle istauthentischer als die Nachricht in Uabli Lnooa. 28 a. Hillels Jünger kannJochanan nicht gewesen sein, da jener etwa um 5 der vorchr. Zeitr. starb, unddieser den Untergang Jerusalems überlebte, also, selbst wenn er 80 Jahre alt ge-worden wäre, Hillel unmöglich gehört haben könnte.
") Josephus Altert. XX, 8, 6.
°) Josephus jüd. Krieg II, 13, 4.
Z Altert. XX, 7, 2.
Eraetz, Geschichte der Juden. III.
28