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Geschichte der Juden.
noch der Feind mit dem mörderischen Stahl eindrang. Seit dieserZeit, so erzählte man sich, haben die sichtbaren Gnadenzeichen im Tempelanfgehört. Das eine Licht, das im Heiligtume ans dem heiligenLeuchter die ganze Nacht hindurch zu leuchten pflegte, sei dann regel-mäßig noch vor Tagesanbruch erloschen. Der rote Streifen an demHalse des Sündenbockes am Versöhnnngstage, der als Zeichen derSündenvergebung sonst die Unschuldsfarbe angenommen, habe das Rot,die Farbe der Sünde, behalten ^). Seit dieser Zeit hörten die Priesterauf, beim Segen im Tempel den heiligen Gottesnamen (.Unvd) anszu-sprechen; sie hielten sich und ihre Zeit nicht würdig dafür. Auch dieHohenpriester, deren Ehrenamt es war, den Gottesdienst am Ver-söhnnngstage zu begehen und die Gottheit um Sündenvergebung znbitten, sprachen diesen Namen so leise ans, daß kaum die Umstehendenihn vernahmen 2). Sie wurden wahrscheinlich von den strengen Phari-säern, welche das Volk hinter sich hatten, dazu angehalten und mußtensich fügen. Das Aussprechen des vierbuchstabigen Gottesnamensaußerhalb des Tempels im gewöhnlichen Leben war wohl schon frühernicht mehr Brauch. Es war dafür der Name „Herr" (^Uoim'i) ein-geführt. Der heilige Name schien den Frommen nicht mehr zur sitt-lichen Haltung der herodianischen Zeit zn stimmen.
Wie ein Krebsschaden griff diese Entsittlichung der fürstlichen undhohenpriesterlichen Geschlechter immer weiter um sich und erzeugte inden zunächst stehenden Ständen häßliche Auswüchse, die ein Zeitgenossemit düstern Farben schildert. Der Richterstand war, seitdem die pein-liche Gerichtsbarkeit im Namen des Kaisers geübt und von den Land-pflegern überwacht wurde, in Abhängigkeit von den Römern und denEinflußreichen geraten. „Immer mehr nehmen Eigennutz, Bestechung,feige Rücksichtnahme, Einflüsterungen zn", klagt diese Sittenschildernngbitter, „das Himmelsjoch werfen sie ab und legen sich dafür das Jochvon Menschen auf, die Urteile fallen ungerecht aus, und die Hand-lungen sind verkehrt. Die Gesinnungslosen steigen und die Edlensinken, und damit sinkt das Gemeinwesen immer tiefer. Engherzigkeit,Neid, Gewalttätigkeit nehmen überhand, die Vornehmtuerei (flsdirin)spreizt sich, und die Töchter Israels wollen sich nur mit Vornehmenverheiraten; denn in unserem Zeitalter sieht Alles nur ans das Äußer-liche"^). Der Leichtsinn der Frauen und die Verführnngskünste derMänner waren so sehr an der Tagesordnung, daß der angesehensteGesetzeslehrer dieser Zeit, Jochanan ben Sakkai, das Ritual für den
Z lloma. 39 b jsrns 43 o. Vergl. Note 19.
2) Dieselbe Note.
3) losexbta Lola. o. 14. b. Lots, 47 d.