Die judäische Sibylle.
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„Einzig in Wahrheit, einzig in Gott,
„Der den Himmel erschaffen und der Erde Räume,
„Des Meeres schäumeude Wellen und der Ströme Gewalt.
„Aber wir Sterbliche, im Herzen betört/
„Machen zum Tröste für Leiden und Elend„Aus Stein oder Erz künstliche Gebilde der Götter,
„Wir gestalten sie auch aus Elfenbein und aus Golde.
„Diesen bringen wir Opfer und weihen Festesversammlung.
„Solches halten wir für fromme Gottesverehrung"*).
Sobald das römische Wesen sich verbreitet hatte und die Sage vonder weissagenden Sibylle bekannt geworden war, beeilten sich judäischeDichter das, was sie im eigenen Namen nicht aussprechen durften, oderwofür sie kein Gehör gefunden hätten, dieser in den Mund zu legen.Die Sibylle spricht den tiefen Gehalt des Jndentums in Orakelform aus,erschüttert die Gemüter durch Ansmalen der schrecklichen Folgen derGottvergessenheit, reicht den Böllern, die sich in blutiger Zwietrachtanfreiben, den Olivenzweig des Friedens und der Eintracht hin, wennsie sich zu dem einen unsterblichen Gott des Jndentums bekennen, underöffnet ihnen glanzvolle Aussichten auf glückseligere Zeiten, von denendie Propheten geweissagt haben. Zur Probe mögen folgende sibyllinischeBerse dienen. Im Eingänge wird den heidnischen Völkern zugerufen:
Sterbliche Menschen, fleischlich gesinnte und nichtige Wesen,
Wie überhebt ihr so bald euch und schaut nicht aufs Eude des Lebens?Zittert ihr nicht, und fürchtet ihr Gott nicht, euren höchstenHerrscher, der Alles als Schöpfer ernährt, welcher pflanzte den süßenGeist in Alle hinein und zum Herrn aller Menschen ihn machte?
Ein Gott ist, ein einiger Gott, unendlich und ewig,
Herrscher des Alls, unsichtbar, selbst jedoch Alles erblickend;
Aber er selbst wird nimmer gesehen von sterblichen Wesen.
Ja, ihr werdet gebührenden Lohn für die Torheit empfangen,
Denn den wahren und ewigen Gott nach Gebühr zu verehren.
Ließet ihr nach; statt ihm Hekatomben, hehre, zu opfern,
Habt den Dämonen ihr Opfer gebracht, den Geistern im Hades.
Und im Dunkel und Wahn geht ihr; vom ebenen, gerade»
Pfad abweichend, zieht ihr hin aus dornigen Wegen,
Über Gestein irrt ihr. Hört auf denn, Sterbliche, Toren,
Die ihr tappet in Nacht, in lichtlos finsterem Dunkel*)!
Dann wendet sich die Sibylle an Griechenland, als Vertreter desHeidentums:
Griechenland aber, warum vertrautest du sterblichen Herrschern,
Welche dem endlichen Tod nicht zu entfliehen vermögen?
*) OIsmsnn ^Isxauclriuus, Ltrom. V, 14. 114 aus Pseudo-Hekntaios.
*) Sibyllinen nach Friedliebs Übersetzung, erstes Fragment S. 3, V. 1—7.