Zeit war stets der Art, daß sie nach logischer Schlußsotgerung nicht hätten er-wartet werden können.
Geflissentlich sind hier diejenigen Prophezeiungen und ihre Erfüllung vonder Untersuchung ausgeschlossen worden, welche in den Geschichtsbüchern erzähltwerden, weil Beide angezweifelt werden können, indem ihre Anthenticität nurauf einer und derselben Quelle beruht. Samuel's Prophezeiung von demunglücklichen Verlauf und verderblichen Einfluß des Königthums in Israel,Achija's aus Schilo Verkündigung von der Lostrennung der Zehnstämme vomHause David, Elia's Prophezeiung vom unglücklichen Ende des Hauses Omri,Elisa's vielfache Verkündigungen, Nahum's vom Untergang Ninive's, Ha-bakuck's von der Invasion der Chaldäer und die anderer Propheten würdenallein die Thatsächlichkeit der prophetischen Bewährung nicht beweisen; aber wenndiese anderweitig gewissermaßen urkundlich erwiesen ist, dann können auch dieseeine faktische Grundlage haben.
Allerdings sind manche Prophezeiungen unerfüllt geblieben. Die Jere-mianischen und Ezechielischen Vorausverkündigungen, daß Nebukadnezar demägyptischen Reiche ein Ende machen werde, haben sich nicht erfüllt. Mehrere Pro-pheten, Hoseal.-, Jesaia, Jeremia, Ezechiel, haben die brüderliche Vereinigung derZehnstämme mit Juda unter einem davidischen König in bestimmte Aussichtgestellt. Jesaia prophezeite, daß Aegypten und Assyrien friedlich Zusammengehenund mit Israel einen Dreibund bilden werden, den Gott Jsrael's anzuer-kennen (19, 23—25). Ein anonymer Prophet verkündete, daß alle Völker,welche Israel angefeindet haben, nach Jerusalem wallfahrten und Gott aner-kennen und das Sukkotfest feiern werden (Zach. 14, 16—21). Indessen er-schüttert diese Ausnahme keineswegs die Thatsache der Prophetie. Die Pro-pheten selbst haben es wiederholentlich ausgesprochen, daß Verkündigungen vonUnglück nicht immer einzutreffen brauchen, weil Gott langmüthig und barmherzigist und das angedrohte Unglück nicht sobald zur Ausführung kommen lasse.Ist Aegypten nicht durch Nebukadnezar, so ist es zwei Menschenalter später durchCyrus' Sohn unterjocht worden. Was die günstigen Prophezeiungen betrifft,die sich scheinbar nicht bewährt haben, so hängen sie mit der idealen Perspek-tive zusammen, welche die Propheten von einer Zukunft der allgemeinen Gottes-erkenntniß und Friedfertigkeit aufgerollt haben. Die Zeit des Eintreffens habensie selbst nur dunkel geschaut und einen unbestimmten Terminus dafür gesetzt:-wA-'N „am Ende der Tage". Die Vereinigung der Zehnstämme mit
Juda ist wohl nicht ganz ohne Erfüllung geblieben. Zur Zeit des Untergangsdes Reiches Ephraim und zur Zeit des babylonischen Exils scheinen Familienaus den übrigen Stämmen sich mit Juda vereinigt zu habe», allerdings keinegroße Zahl, nur die von geläuterter Gesinnung. Ist ja auch von Juda nurein Rest übrig geblieben, wie Jesaia prophezeit und wonach er seinen Sohnbenannt hat: nxw, ein Rest wird sich zu Gott wenden und gerettet werden.
Wohl zu beachten ist, daß das prophetische Moment bei den Prophetennicht das Vorherrschende mar, sondern das Sittliche und geläutert-Religiöse.Diesem Momente war die Vorausverkündigung untergeordnet. Sie habeneigentlich nur prophezeit, um zu constatiren, daß das Unsittliche und die reli-