Druckschrift 
1 (1873) Geschichte der Israeliten von ihren Uranfängen (um 1500) bis zum Tode des Königs Salomo (um 977 vorchr. Zeit) : nebst synchronistischen Zeittafeln
Entstehung
Seite
163
Einzelbild herunterladen
 

Das Königthum gefordert.

163

werde i), welcher die Befugniß haben sollte, alle Glieder des Volkesmit Gewalt zu einem einheitlichen und kräftigen Vorgehen zunöthigen, in den Krieg zu führen und Siege zu erringen. EinKönig in Israel! Samuel war beim Anhören dieses Wortes wieentsetzt. Ein ganzes Volk soll von den Launen und der Willküreines Einzelnen abhängen! Die Gleichheit aller Glieder des Volkesvor Gott und dem Gesetze, die freie Selbstständigkeit jeder Familien-grnppe unter ihrem patriarchalischem Oberhaupte waren so sehrLebensgewohnheit geworden, daß eine Aenderung dieses Zustandes garnicht recht faßbar war und das Allerunglücklichste in sich zu bergenschien. In jener Zeit galt ein König noch dazu als Verkörperungoder als eingeborener Sohn Gottes, dem das Volk im Ganzen undEinzelnen mit Allem, was es haben und sein mochte, zu Eigenthumgehörte, der frei darüber schalten und walten konnte, der selbst überdas Leben der Unterthanen und ihre heiligsten Gefühle verfügenund sie zum Opfer verlangen durfte. Ihm allein schuldeten Allenicht blos Gehorsam, sondern auch kriechende Unterwürfigkeit; sichgegen ihn ein Vergehen zu Schulden kommen lassen, müßte ebensoschwer geahndet werden, wie eine Lästerung gegen Gott. EinenKönig über Israel setzen, kam also gleich, an die Stelle desGottes Jsrael's einen sterblichen Menschen zu setzen. Der Königstände über der Lehre Gottes, über dem Gesetze, sein Wille alleinwäre maßgebend. Kurz die ganze Ordnung und der Gedankenkreis,welche im Volke Israel herrschten, und auf denen sein Gemein-wesen gebaut war, müßte umgekehrt werden, und dieses würde allenVölkern der Erde gleich werden, die nur ein'Spielball in der Handihrer Könige waren.

Der Prophet Samuel, in dem die sinaitische Lehre von derGleichheit aller Menschen und von der auf Freiheit beruhendenSittlichkeit lebendig war, und der die ganze unheilvolle Tragweiteder Forderung erkannte, fuhr dabei wie aus einem bedrückendenTraume auf. In einer effektvollen Schilderung führte er denAeltesten die unausbleiblichen Folgen des Königthums vor: daßdie freiwillige Unterwerfung der Menge unter den Willen eines

In Samuel I, 12, 12 ist ausdrücklich angegeben, daß die Israeliten inFolge des Krieges von Nachasch, dem Ammoniterkönig, einen König verlangthaben. Es müssen demnach die jenseitigen Stämme zuerst diesen Wunsch aus-gesprochen haben. Vergl. weiter.

11 *